Geförderte Irrwege

Ich habe ein Arbeitsstipendium bekommen, ich habe Zeit bekommen.
So fängt mein euphorischer Bericht an, den ich Ende letzten Jahres bei der zuständigen Stelle abliefern musste.

Erst vor kurzem habe ich angefangen, mich um Stipendien zu bewerben. Vorher habe ich Poetischeres, mir am Herzen Liegendes nebenbei geschrieben, mein Geld mit Unterhaltungsliteratur und Auftragsarbeiten verdient.
Die Bewerbungen waren nur Teil eines umfassenderen Plans, mit Absagen rechnete ich, über Zusagen wunderte ich mich.
Und zerfloss vor Dankbarkeit.

Durch ein Stipendium gewinnt man Zeit, all die Wege zu gehen, die man beim Schreiben eines Romans gehen kann und muss. Befahrene Straßen meiden, anstrengende Pfade verfolgen, Geheimwege suchen, auf Irrwege geraten. Vor allem Letzteres. Das sagt uns schon Sten Nadolny: Schreibkrisen eröffnen einen Raum, den der Roman ohne diese Krise nie gehabt hätte; sie ermöglichen Raum für Gedanken, die nicht gekommen wären, wenn man sich nicht erlaubt hätte, das ganze Projekt und sich selbst einmal gründlich in Frage zu stellen. Schlotternd und nackt vor dem eigenen Text zu stehen, ist keine angenehme, aber eine existenzielle und manchmal nötige Erfahrung.

Dank des Stipendiums habe ich Gelegenheit und Muße bekommen, aufsteigende Zweifel am erzählerischen Prinzip des Romans zuzulassen. Ihm zu erlauben, sich gegen jede Chronologie zu sperren. Mich auf ihn einzulassen, ihn zu fragen, was er denn von mir will. Die Antwort ist knapp, aber deutlich: Eine bessere Autorin werden, als ich es zum jetzigen Zeitpunkt bin, das ist es, was er von mir verlangt.
Also gebe ich, was ich zu geben habe: Fleiß, Neugier, Mut, auch Demut; immer wieder fahre ich ihn gegen die Wand, wage neue Anläufe und Fehlstarts, schreibe und verwerfe bestimmt zwanzig Versionen, und langsam, sehr langsam, als ich schon nicht mehr daran glaube, beginnt sich etwas zu verändern. Irgendwann steht eine Version der ersten zwei Kapitel auf dem Papier, die etwas wie ein Ausgangspunkt sein könnte, und er signalisiert mir, dass wir vielleicht doch miteinander auskommen werden.
Dafür verlangt er Geheimhaltung, zumindest denjenigen gegenüber, die ihm schaden könnten. Also bin ich stolz auf mich, als ich es schaffe, auf der Buchmesse nicht über ihn zu reden, auch nicht mit den Verlagen, die durchaus Interesse an ihm bekundet haben, ihm jedoch etwas abverlangen würden, was er nicht leisten kann: es dem Leser wenigstens ein bisschen leichter zu machen. Genau dagegen wehre ich mich beim Schreiben, will nicht ins Szenische rutschen, ins lang Geübte, Selbstverständliche.
Diesen Roman, der um Verrat kreist, sich dem Thema mit größter Vorsicht annähern und mehrdeutig bleiben will, werde ich keinesfalls verraten.
Je weiter ich mich auf diesen Prozess einlasse, desto besser nehme ich mögliche, neue Verbindungen zwischen den Textstücken wahr. Nichts Offensichtliches, eher etwas Brüchiges, das unter dem Text liegt wie ein Gitter, dessen Streben nicht überall sichtbar oder vorhanden sind. Ich kann es sehen wie ein Bild, ein Kunstwerk. Es fühlt sich richtig an, ich bin dankbar dafür.

Ich habe Zeit bekommen, um zu der Brüchigkeit des Textes vorzudringen. Und genau das schreibe ich in den Bericht, der, zugegeben, eher poetologisch als sachlich ist, mit Notizbuchauszügen, in denen von Irrwegen die Rede ist, ebenso von meinem Stolz, den Text nicht verraten zu haben. Das Ganze auf den Schwingen hehrer Euphorie.

Die Antwort, die ich Wochen später bekomme, ist wenig euphorisch. Die Brüchigkeit und Ambiguität des Textes interessiert kein Schwein.
Der Bericht wurde, vermutlich kopfschüttelnd, unter einer Vorgangsnummer abgelegt, nachgefordert werden Fakten:
1) Wie hat sich das Buchprojekt in der Zeit der Förderung weiterentwickelt, wie viele Seiten hatte es vorher, wie viele danach?
2) Haben Sie mit dem Geld Recherchereisen unternommen ?
3) Gibt es eine erste Grobfassung? (Ich bin für Momente fassungslos bei der vorgestellten Fassungslosigkeit der Empfänger meiner in leuchtende Worte gefassten, naiven Dankbarkeit dafür, dass ich die Grobfassung dieses so fragilen Textes nicht schreiben musste. )
4)Was uns am meisten interessiert: Haben Sie Ihr Manuskript schon bei Verlagen eingereicht, gibt es die Aussicht auf Veröffentlichung?

Kunst zu ermöglichen, das habe ich immer geglaubt, sei ein tragendes Element von Kunstförderung. Anscheinend jedoch schwierig in einer durch und durch unkünstlerisch denkenden Welt.
Die Dankbarkeit jedoch bleibt, deshalb will ich mir die größtmögliche Mühe geben, die Fragen so aufrichtig wie möglich zu beantworten. Vielleicht so:

Vorgangsnummer 1579988N/101
1) Der Text hatte bei Einreichen zehn Seiten, ungefähr fünfzig bis siebzig habe ich danach geschrieben, sodass ich jetzt auf stolze siebzehn komme.
2) Ja, ich habe Recherchereisen unternommen, Forschungsreisen in entlegene Bereiche meines Hirns, wo die nackte Wahrheit wohnen soll. Es war nicht einfach, aber ziemlich aufregend.
3) Es gibt keine Grob-, nur eine Samtfassung.
4) Diesem Roman wollte ich alle Aussichten und Einsichten erhalten, ihn also erst dann einreichen, wenn er so weit ist, meinen oder seinen eigenen Ansprüchen auszureichen.

Auf die Antwort bin ich gespannt. Vielleicht wird sich ja unter dieser Vorgangsnummer eine künstlerische Korrespondenz entwickeln, wer weiß.

24.2. 2017, 19.30 Die Zeitenbummlerin in der Stadtbibliothek Norden

24.2.2017. Die Zeitenbummlerin in der Stadtbibliothek Norden, am Markt 8, 26506 Norden, Beginn 19.30

Claudia Brendler ist unterwegs. Undercover und auf dem Fahrrad. Unter dem Pseudonym Leonie Faber hat sie eine Rad-Novel geschrieben. Die Tour ihrer Heldin beginnt an einem glutheißen Julitag auf einem vollbeladenen Citybike mitten in Berlin und führt weit über die Grenzen Deutschlands und über die eigenen Grenzen hinaus.
Ein Buch über das Wagnis, sich auf den Moment einzulassen.
Auf den Moment lässt sich Claudia Brendler auch auf ihrer Gitarre ein, die
stets mitreist und mittlerweile ihren ganz eigenen Musikgeschmack entwickelt hat. So kommt es unter anderem zu Flamenco an norwegischen Fjorden und meditativen Happy-Metal-Einlagen.

Estland

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Alone auf der romantischen Truckerfähre

Lächelnd fahre ich in dieses Land hinein.

In Helsinki war es sonnig, mit zwei anderen Reiseradlern und einem Navi ging es morgens von einem Fährhafen zum nächsten, durch eine geschäftige, kühl anmutende, wasserglitzernde Stadt. Danach zwei Stunden auf der Tallinn-Fähre, die Räder sicher im Schiffsbauch, wir im Wind und sonnenbetrunken.
Andere stimmen sich mit Bier ein, auf dieses Land, in dem für die Finnen nicht nur der Alkohol, sondern auch alles andere billiger ist, das Land, von dem ich geträumt habe. Estland, erst Sehnsuchtsland, später Idee, jetzt Wirklichkeit.
Tallinns Altstadt besteht aus Kopfsteinpflaster, Kirchen, Mauern, deren Ritzen ganze Universen beherbergen, aus Restaurants, Souvenirläden, Cafés, dazwischen die russische Kathedrale wie ein Praliné, umrahmt von Straßen, umstanden von Bussen. Sie ist schön, die Altstadt, sie hat Würde, hielt früher dänischen Kreuzzügen und heute europäischen Kreuzfahrern stand, sie lächelt über wechselnde Einfälle, Ausfälle, Moden, vegane Restaurants, lächelt über alles hinweg.

Lächelnd fahre ich stadtauswärts, am nächsten Tag und in strömendem Regen, vorbei an Plattenbauten, Unverputztem, Tankstellen und Einkaufszentren. Das Meer liegt still wie ein See und sieht trotz des Regens so hellblau aus wie auf der Landkarte. In einer Stolowaia gibt es neben Rote-Beete-Suppe und der ersten von vielen estnischen Süßspeisen auch Cappuccino und Free-Wifi. Überall könne man ins Internet, davon habe ich vorher schon gehört, wie auch von manch anderem: Man sei aufgeschlossen, besonders die jungen Leute, alles spreche englisch, haben mir Kreuzfahrer und Bildungsreisende versichert, das ganze Land, heißt es, sei westlich orientiert, was als Synonym für aufgeschlossen zu gelten scheint.
Ich bin schon eine Weile auf Tour, schon eingeradelt, aber hier fühle ich mich auf verletzliche Weise neu, unerfahren, wie frisch geschlüpft. Wann ich gemerkt habe, dass niemand mein Lächeln erwidert, weiß ich nicht genau, noch in der Stadt wohl, als man mir sagte, wo ich mein Rad unterstellen dürfe. Alle Auskünfte wurden mit ernstem Gesichtsausdruck erteilt, mit einem Anflug professionellen Verständnisses: Da ist wieder eine von diesen verrückten Deutschen, die mit dem schwerbepackten Rad herumreisen, ohne irgendwohin zu müssen.
Ein paar Tage später frage ich einen Mann, in dessen Gartenhütte ich bei immer noch strömendem Regen übernachte, ob er uns radelnden Germans alle crazy oder funny findet, er weicht aus, verweist auf sein mangelndes Englisch und bleibt höflich. Ohne zu lächeln.

Ihn habe ich nach achtzig einsamen Kilometern auf einer schnurgeraden Straße gefunden. Rechts Wald, links Wald, Ortsnamen verweisen auf Leben, doch an der Straße liegen keine Häuser, nur ein schlammiger Weg führt zu einer Ahnung von Dächern hinter Baumspitzen.
Jeder Kauplus oder Konsum, Tankautomat oder gar ein Café wird Kilometer vorher angekündigt wie eine Sensation, und so bin ich auf den Kiosk, der irgendwann am rechten Straßenrand auftaucht, mental und seelisch längst vorbereitet. Im Regen, der vom Himmel klatscht, hat man einen roten Sonnenschirm mit Eisreklame aufgespannt, er beschirmt tropfnasse, leere Holzbänke. Das ist es, was ich im Laufe der Tour an Estland schätzen und liebenlerne, etwas, für das ich keine Worte finde, wofür man vielleicht erst einen Begriff erfinden müsste, etwas Unübersetzbares wie das finnische Sisu. Das bedeutet: Beharrungsvermögen, Kraft, Unnachgiebigkeit in aussichtslosen Situationen (die in Finnland wahrscheinlich häufiger vorkommen als anderswo und wenn selbst Sisu nichts mehr hilft, gibt es noch den finnischen Tango). Für Estland müsste es ein Wort sein, das Improvisiertes und Absurdes einschließt, die Süße der Nachspeisen in sich birgt und rote Sonnenschirme in verhagelter Einsamkeit.
Die Frau, die im Kiosk Kartoffeln schält – für wen? warum? – wirkt besorgt, als sie verstanden hat, dass ich nach einer Übernachtungsmöglichkeit frage, und greift sofort zum Telefon. So gelange ich in Alaris Garten, der riesig ist, am Ende eines schlammigen Weges liegt und außer dem Hundezwinger und dem Wohnhaus einige Hütten und ein Plumpsklo aufweist. Dort treffe ich in der Nacht auf Insekten, die ich noch nie vorher gesehen habe. Was die Insekten von mir halten, weiß ich nicht, wir beäugen uns misstrauisch – ohne zu lächeln – und krabbeln und gehen unserer Wege.

Am nächsten Morgen lerne ich von Alari, das estnische Wort für „danke“ richtig auszusprechen.
Dass ich es vorher nicht gelernt habe, liegt daran, dass sich niemand bedankt hat, als ich, noch in Tallinn, mit aufgesperrten Ohren durch Supermärkte gegangen bin, auch später nicht, als die Einkaufsmöglichkeiten immer spärlicher und kleiner wurden. Der Laden, in dem ich an diesem Tag einkaufe, die einzige Möglichkeit in dreißig oder fünfzig Kilometern Umkreis, ist in einer Baracke untergebracht. Unter dem Vordach zwei Trinker, Bierdosen in der Hand; sie verfolgen genau, wie ich mein tropfendes, beladenes Rad abstelle, seine Packtaschen wie ein Matronenhintern, der wacklige Ständer hält das Gewicht nicht. Ich lehne es an die einzige Holzsäule und muss mich zwingen, es nicht abzuschließen, als ich hineingehe.
Die Spirituosenabteilung füllt ein Drittel des Ladens. Dazu eine Theke mit Wurst und Käse, ein Verkaufstisch, dahinter eine Frau, noch jung, dabei verhärmt, die mir ernst zuschaut, wie ich eine Konservendose nach der anderen in die Hand nehme, versuche, die Aufschriften zu entziffern und herauszufinden, ob Fleisch in der Bohnensuppe ist.
Ich kaufe die Bohnensuppe, Kekse, Brot, ich danke mit hoffentlich korrekter Aussprache, lächle, gebe mir Mühe und noch eine Prise Herzlichkeit dazu, die Verkäuferin bleibt abweisend.

Viel später verstehe ich, dass es den Leuten vorkommen musste, als ob ich ihnen ins Gesicht springen wollte mit meinem Lächeln, meinem Eifer, meinen Erwartungen. Ganz klar wird es mir erst, als ich wieder in Finnland bin und beinahe einen Kulturschock bekomme: back to Europe mit seinen glatt geschmierten Höflichkeitsscharnieren und Floskeln, einer Form von Höflichkeit, die andere ebenso auf Abstand hält wie der estnische Ernst.

Mit vier estnischen Worten, die ich so gut wie möglich auszusprechen versuche, gelange ich südwärts und auf die Inseln, und nach und nach nehme ich mich zurück, lächle wohl immer noch, aber irgendetwas scheint mit mir und meinem Lächeln geschehen zu sein, denn auf einmal antwortet mir die Welt. Man nickt mir zu, wenn ich an einem Feld vorbeifahre, man grüßt zurück, wenn ich grüße, manchmal folgen Worte auf estnisch. Viele Menschen treffe ich nicht. Auf Hiiumaa passiere ich Gegenden, wo selbst der Bus nur auf Anruf fährt. An späteren Haltepunkten fehlt auch die Telefonnummer. Man scheint davon auszugehen, dass man sie kennt. Wer nicht Bescheid weiß, ist ein Fremder und muss sich alles erfragen. Doch wer etwas wissen will, wirklich wissen will, dem wird geantwortet, wer in Not ist, dem wird geholfen.
So erfahre ich es im Laufe der Tour, so einfach ist es, so ehrlich.

Für Fragen gibt es selbstverständlich Grenzen, Barrieren, die nicht nur Sprachbarrieren sind: Wie stehen Sie zu den vielen Russen, die jetzt als Touristen kommen? Soweit ich weiß, war diese Insel einst militärisches Sperrgebiet, die Bevölkerung isoliert, niemand, selbst die Esten nicht, kam ohne Visum hierher, und jetzt sind die touristischen Enklaven bevölkert von radelnden, busfahrenden, neugierigen Russen, die selbstverständlich ihre Landessprache sprechen und denen ebenso selbstverständlich in der Landessprache geantwortet wird. Mit mir sprechen die Russen, die ich kennenlerne, englisch und deutsch. Ich soll mit ihnen in der Pension fernsehen. Sie haben Tüten voller Flaschen. Mein Respekt vor starken Getränken siegt über meine Neugier. Ich schütze Arbeit vor. Eine Schriftstellerin auf Reisen arbeitet, was denn sonst, sie sitzt abends mit dem Mcbook Air im Restaurant und macht sich selbst vor, mit wichtigen Ideen beschäftigt zu sein, während sie – Free Wifi! – im Internet herumstreunt, das einzige vegetarische Gericht, Orsotto, zu sich nimmt, Nachspeisen und estnische Biersorten durchprobiert.
Immer wieder lande ich in Orten ohne Restaurant, mit dem Konsum als einziger Attraktion, einer zwielichtigen Bierbar, in die ich mich nicht hineintraue, und kommunalem Wifi auf einem Platz, der vollkommen verfallen scheint. Plattenbausiedlungen auf Wiesen, abgeblätterter Putz und bröckelnde Fassaden, davor friedlich spielende Kinder. Kein sozialer Brennpunkt, Normalität des Wohnens.

Da ist die Hoffnung. Diese Hoffnung in den Gesichtern der jungen Paare, die ich beobachte, Paare mit Kinderwagen, die seltsam altmodisch wirken, mich an Bilder der eigenen Kindheit erinnern, die Hoffnung meiner aus der DDR geflüchteten Eltern auf den goldenen Westen. Hier hat sich der Kapitalismus noch nicht verrannt, hier scheint man keine so große Angst zu haben, den zweifelhaften Luxus wieder zu verlieren.
Vielleicht glaubt man auch einfach nicht so glühend daran.

Die Inseln sind voller Gegensätze: Im postsozialistischen Hotel auf Hiiumaa, mit westlich aufgeschlossenen Preisen, räumt man als Gast den Frühstückstisch noch selbst ab, während sich im B&B auf Saaremaa eine Wirtin liebevoll um alles kümmert, dabei läuft im Fernseher des Frühstücksraums ein deutscher Tatort mit estnischen Untertiteln.
Auf der kleinsten Insel steht eine Weinbar mitten im Nichts, zu erreichen nur über eine Schotterpiste mit Schlaglöchern. Eine Oase mit erlesenen Getränken und Speisen und großen Boxen, aus denen den ganzen Nachmittag und Abend Neil Young in einer Endlosschleife jammert und wo ich beschließe, das Leben zu feiern, was wegen Neil Young nicht ganz einfach ist. Wenigstens den vielen Schmeißfliegen scheint die Musik zu gefallen.

Am Tag der baltischen Unabhängigkeit findet ein Wikingerfest am Meer statt. Ein ganzes Wikingerdorf ist aufgebaut, Menschen in Kitteln aus grobem Stoff und mit obligatorischem Hörnerhelm sollen vorführen, wie die Wikinger gelebt haben, ein Schiff wird eigens auf einem Anhänger angekarrt und aufgebockt, dennoch finden sich nur wenige Touristen ein und auch die Wikinger haben keine große Lust, uns zu zeigen, wie sie leben, sie stehen lieber am Wiking-Burger-Stand, rauchen und trinken Kaffee. Ich bin nur zufällig in diese Wikingersache geraten, irgendwo im Hinterland von Saaremaa, auf einer Inselrundfahrt ohne Gepäck. Später, als ich zurückkehre in das Städtchen Kuressaare, sehe ich das Wikingerboot wieder im Anhänger, die Wikinger sitzen gemeinsam mit irgendwelchen Trachtenfrauen in der Pizzeria La Perla.
Auch dafür wäre das Wort gut, das es womöglich gar nicht gibt. Das Wort für rote Sonnenschirme im Regen, für eigenbrötlerische Wikinger und für den Moment, als der warnwestenlose Mann auf einer der vielen Fähren mir eine halb verfaulte Holzbank zeigt, an die ich mein Rad lehnen soll, und wir gemeinsam hoffen, dass der Seegang ruhig bleibt.
Ich finde das Wort nicht, dafür lerne ich in einem abgelegenen Café ein neue deutsche Wortkreation: Quarkform. So übersetzen mir die beiden Frauen hinter der Theke per Internet den Namen der Süßspeise, nach deren Zusammensetzung ich frage. Eine Weile amüsieren wir uns gemeinsam über das sperrige, gewichtige Wort, das so deutsch daherkommt und mit estnischem Akzent noch bizarrer klingt. Die Speise, schneeweiß, vollkommen, himmlisch, schert sich nicht um Bezeichnungen und behält ihr Geheimnis.
Die Straße wird schottrig, später sandig, als ich weiterfahre, ich verstehe allmählich, warum vor der Baustelle so lange gewarnt wurde. Zwölf Kilometer Sand, Schlaglöcher wie Krater, schlingern und schieben, keine Autos mehr, nur Baustellenfahrzeuge, und ab und zu der Postwagen, der durch die Schlaglöcher kracht, um gleich wieder abzubiegen, dorthin, wo ich nur Wald sehe.
Später, als ich wieder normalen Belag unter den Reifen habe, drei Rucksackreisende an einer fahrplan- und telefonnummernlosen Bushaltestelle. Zwei Mädchen und ein Junge, die mich von weither kommen sehen. Außer mir kommt nichts, dennoch halten sie ihr Schild mit der Aufschrift „Tallinn“ hoch, auf noch kindliche Weise selbst gemalt. Mein hervorgeprustetes „Sorry“, unser Lachen. Wahrscheinlich wissen sie nicht, wie schön sie sind, jetzt, in diesem Moment.
Auch dafür hätte ich gern ein Wort. Für die Gleichzeitigkeit von Lachen und Rührung.

Längst habe ich gelernt, bei jedem Hinweis auf irgendetwas anzuhalten, Einkaufsmöglichkeit, Tankautomat, egal – es sind die Plätze, wo der estnische Bär, den man selbsverständlich mit zwei ää schreiben würde, steppt: Dort gibt es vielleicht außer einem Supermarkt auch einen Geldautomaten und vielleicht – Kreisch! – ein Café mit Quarkform oder anderen Überraschungen.
Und ich habe gelernt, die Orte, die ich liebe, noch einmal aufzusuchen, statt stur geradeaus zu fahren, ich wende mich wieder nordwärts und kehre zurück nach Hapsaalu, den Kurort, in dessen Namen die Vokale tanzen. Hapsaalu, das ist die Seepromenade mit der sozialistischen Kurmuschel aus Beton und den kleinen Lauben des neunzehnten Jahrhunderts, der Tschaikowsky-Bank und den modernen Kunstwerken, die rund um den See zu besichtigen sind, sogar auf dem Wasser schwimmen. Hapsaalu erzählt die Geschichte estnischer Künstler, die ihre Werke durch mehrere Besatzungen bringen mussten, eine Geschichte von Mut und Zähigkeit, von Wikinger-Eigenbrötlertum, und, pathetisch ausgedrückt, dem Sieg der Kunst. Hapsaalu, das ist russischer Charme, gemischt mit dem nordischen, schmucklosen Stil der Holzhäuser. Nur zwei Straßen weiter Verfallenes, Schnellrestaurants, Billigmärkte, der ehrliche Teil der Stadt. Im coolen Szenecafé, das komplett leer ist, kleben Plattenhüllen an den Wänden, Vinyl von estnischen Musikern. Später, in der Folklorekneipe im Touristenghetto, wo es Vegetarisches gibt, das gleichzeitig fettig und salzig ist, höre ich die unglaublichsten Lieder auf estnisch: Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, wonderful tonight von Eric Clapton, und, ungeachtet aller Jahreszeiten, Feliz Navidad.
Hapsaalu, das ist das Hotel mit Seeblick, die einfallende Dunkelheit mit Mond über der Kunst auf dem Wasser, sind die Möwen oder Elstern, die nachts meine auf dem Balkon gelagerten Vorräte verzehren, ist das Wintergartenfrühstück mit Seefunkeln hinter den Glasscheiben und den finnischen Rentnern und den amerikanischen Rentnern und den estnischen Rentnern und meinen Gedanken darüber, wie es Paare nur so lange miteinander aushalten, welche Fähigkeiten man dazu braucht, welche Einschränkungen der Autonomie man in Kauf nehmen muss und ob das alles glücklich oder unglücklich macht. Beim Umdrehen auch jüngere Paare, überall Paare, sogar die Enten sind zu zweit. Ich bin auf gute Weise allein mit dem Kaffee, der – lächelnden! – Bedienung und dem Gedanken, der in mir aufgeht und sich ausbreitet wie die Sonne über dem See: Sollte ich mich noch einmal verlieben, dann will ich mit ihm nach Haapsaluu, und sollte ich der Stadt aus Überschwang einen Vokal zu viel verpassen, wird er das verstehen.

Aus diesen Gedanken wird beinahe ein Song und damit fahre ich zurück nach Tallinn, lasse mich dort, wo die Landstraße Autobahn wird, von Holzlastern in den Graben zwingen, außerdem zu Dankbarkeit, noch am Leben zu sein, im Möglichkeitsmodus.
Vielleicht bleibe ich deshalb den Trucks treu und nehme die Truckerfähre nach Helsinki, mit Übernachtungsmöglichkeit und Rauswurf aus dem Mutterleib des Schiffs um sechs Uhr morgens bei höchstens zehn Grad. Beim ersten Kaffee an einer Tankstelle trage ich einen leichten Daunenanorak, die tankenden Stadtbewohner steigen in Bermudas und Badelatschen aus ihren Autos. Für die Finnen, erfahre ich später, ist ab Mai Sommer, das Wetter ist dabei egal. Das erzählt ein Paar, die Frau Finnin, er Deutscher, bereits auf der nächsten Fähre. Wir sitzen am Nebentisch, ein anderer Reiseradler und ich, wir reden so vertraut, wie es nur möglich ist zwischen Menschen, die wissen, was Fernweh ist, das leutselige deutsch-finnische Paar scheint uns seinerseits für ein Paar zu halten – bis der Reisebekannte mich nach meinem Namen fragt. Ich mag ihre Gesichter in diesem Moment. Ein Filmmoment, Romanszenenmoment, den ich gern einrahmen würde.

Auf der Überfahrt reden wir uns in einen Rausch. Wir verbringen den Abend im Café, eine Gruppe Sehnsüchtiger, für die das Unterwegssein eine alltagstaugliche Lebensform ist. Im Hintergrund singt eine sturzbetrunkene, finnische Opernsängerin, oben, wo ich mich, kabinenlos, irgendwo schlafenlegen muss, singen Russen und am Tisch sitzt einer, der eigentlich gar nicht dazugehört und dem auch nichts zu unseren Gesprächen einfällt, aber er ist einfach da und seine Bemerkung über alternde Frauen, die sich noch an einen Stangentanz wagen, ist irgendwie auch ok.

Was noch? Die akkurat nebeneinander stehenden Schuhe des rucksackreisenden schwäbischen Pärchens, bestimmt mehr als zwanzig Jahre jünger als ich, das mit mir im Filmraum des Schiffs kampiert. Meine Erkenntnis, dass es mir nie gelungen ist und auch nie gelingen wird, meine Schuhe auf diese Weise hinzustellen, dass meine Schlafplätze schnell aussehen wie Kriegsschauplätze und kein Schuh mehr weiß wo der andere, geschweige denn, wer er selbst ist.
Was noch? Ein Tag an Deck, Sonnentag, Windtag, Gruppentag, Schreibeuphorie, Relingsgespräche, die mich fast zu Tränen rühren, und am nächsten Tag das wahre Abenteuer: Eine Reise mit der deutschen Bahn, an einem Samstag, ohne einen Radplatz vorreserviert zu haben.
Ich nehme alles mit einem Lächeln.

24.2.2017 Die Zeitenbummlerin in der Stadtbibliothek Norden

24.2.2017 19.30

Die Zeitenbummlerin in der Stadtbibliothek Norden, am Markt 8, 26506 Norden.

Claudia Brendler ist unterwegs. Undercover und auf dem Fahrrad. Unter dem Pseudonym Leonie Faber hat sie eine Rad-Novel geschrieben. Die Tour ihrer Heldin beginnt an einem glutheißen Julitag auf einem vollbeladenen Citybike mitten in Berlin und führt weit über die Grenzen Deutschlands und über die eigenen Grenzen hinaus.
Ein Buch über das Wagnis, sich auf den Moment einzulassen.
Auf den Moment lässt sich Claudia Brendler auch auf ihrer Gitarre ein, die
stets mitreist und mittlerweile ihren ganz eigenen Musikgeschmack entwickelt hat. So kommt es unter anderem zu Flamenco an norwegischen Fjorden und meditativen Happy-Metal-Einlagen.