Eine finnische Liebe

Begegnet bin ich dem finnischen Tango schon vor Jahren. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, unser Verhältnis begann vorsichtig und eher zufällig, mit dem Kauf einer CD in liebevoll gestalteter, sehnsuchtsblauer Verpackung. Die Musik auf dem Sampler war gewöhnungsbedürftig; die teils historischen Aufnahmen klangen nach Tanzsälen mit trostloser Holztäfelung, hartem Alkohol, gestohlener Freude und viel Vergeblichkeit.

Ein deutsch gesungener Titel fiel auf und wurde schnell zu meinem Lieblingsstück auf dem Sampler: „Ich und meine Braut im Parlamentspark“, von M. A. Numminen, Musiker, Autor, Gelegenheitsphilosoph und Enfant Terrible des finnischen Kulturbetriebs. Das Lied ist eine Genreparodie, die mit den Versatzstücken des Finntango spielt: Melodien in Moll, dabei schlicht und auf rührende, etwas verklemmte Weise schlagernah, ein bescheidenes Knopfakkordeon, das den statischen Rhythmus vorgibt. Kein zu allem bereiter, lateinamerikanischer Macho mit gebrochenem Herzen und Klischeerose zwischen den Zähnen – nur ein akkordeonspielender Holzfäller im Fichtenwald, eine Feuerstelle und zwischen den Bäumen glühende Augenpaare.

Der finnische Tango, behauptet M. A. Numminen in dem Dokumentarfilm „Mitternachtstango“, sei erfunden worden, um die Wölfe fernzuhalten. Dass er bei dieser Feststellung ein Häschenkostüm trägt, nimmt seinem ironischen Satz nichts von seiner Glaubwürdigkeit. Für mich war der Satz eine Initialzündung, ich konnte alles sehen und spüren: das schwelende Feuer, den schrägen und fernen Mond über den Baumspitzen, die Kälte und die Wölfe. Eigentlich ist der Wald zu dicht, das Feuer zu klein, die Akkordeonmusik zu kläglich, dennoch gibt es keinen Ausweg, als weiterzuspielen.
Ich glaube, in diesem Moment verliebte ich mich ernsthaft.

Sommer 2016. Ein Konzert in Frankfurt, in einem Kellertheater. Ich bin eine der wenigen Deutschen im Raum. Nicht nur die finnische Gemeinde ist vollzählig anwesend, auch die Moderatorinnen von Radio Sisu, der einzigen finnischen Radiosendung der Stadt. Sisu ist ein eigentlich unübersetzbares Wort und steht für Mut, Kühnheit, Ausdauer, Geduld in scheinbar aussichtslosen Situationen. Und in den Liedern, die an diesem Abend gespielt werden, steckt eine Menge Sisu. Von der Flüchtigkeit eines Sommertags handeln sie, von einem Kapitän, der sich von seinem Mädchen verabschiedet und nie zurückkommt. Das Mädchen geht jeden Tag zum Strand. Ich fürchte, bis an sein Lebensende.
Alles Unabänderliche und doch Vergängliche wird mit viel Sisu hingenommen, auch der Herbst, die einzige Jahreszeit, in der eine glückliche Liebe stattfinden darf oder wenigstens eine Ahnung von Geborgenheit bei fallendem Regen. Sonst würde das Glück womöglich noch zu groß.
There’s comfort in melancholy, sang Joni Mitchell einmal, in einem ganz anderen, gar nicht tangoartigen Zusammenhang. Ein Satz, der exakt die Stimmung dieses Abends wiedergibt. Die finnisch-deutsche Band, die auf der Bühne steht, heißt Uusikuu. Laut Wörterbuch bedeutet Uusikuu Neumond. Ein Wort, dem man durchaus eine hoffnungsvolle Bedeutung unterschieben könnte. Doch wahrscheinlich gibt es eine differenziertere Interpretation, in der zahlreiche Nebenbedeutungen mitschwingen: Neumond des Frühherbstes, wenn der Sommer gerade vergeht und die Fichten das erste Eis ansetzen, so wie die Seele im Eis verlorener Liebe erstarrt.
Uusikuu haben den Tango ihrer Großmütter und Großväter entstaubt und ihn mit anderen Stilrichtungen gemischt, darunter Jazz, russische Folklore, Walzer. So kommt er frisch daher, mit Akkordeon, Kontrabass, Geige und oft zweistimmigem Gesang, innig dargeboten von der Sängerin Laura Ryhänen und dem Geiger und Sänger Mikko Kuisma. Die Ansagen macht Laura Ryhänen in – übrigens perfektem – Deutsch. Wir Deutschen sitzen etwas streberhaft in der ersten Reihe. Die Finnen hinter uns tanzen längst. Keine gewagten Drehungen, keine leidenschaftlichen Posen; Finntango ist ein Gehtanz. Laut M.A. Numminnen sind Beckenbewegungen dem finnischen Mann völlig fremd; seine Leidenschaft ist verhalten, aber heftig, und muss von einem Rhythmuskorsett im Zaum gehalten werden. Allein die Nähe einer Frau kann laut Numminen den finnischen Mann so verstören, dass er im Zweifelsfall einen Besenstiel als Tanzpartnerin vorzieht. Zumindest geht es dem Protagonisten seines Buches so, das passenderweise „Tango ist meine Leidenschaft“ heißt.
Seit jeher war der finnische Tango eine Männerdomäne. Um so erfreulicher ist es, dass Uusikuu ihre aktuelle CD Suomi-Neito (finnische Maid) den Frauen im Tango gewidmet haben, genauer gesagt, ihren Großmüttern, der Generation, die zu Tangoklängen hoffte, litt, träumte.
Alle Lieder, die an diesem Abend gespielt werden, handeln von Frauen, wurden von Frauen gesungen oder sogar – sehr selten – geschrieben. Vielleicht ist gerade deshalb die Stimmung im Saal so warm und weich wie ein Kaschmirschal für die Seele. Natürlich in Herbstfarben.
Der Abend wird lang und glücklich. Wir lauschen der Musik und den Geschichten zwischen Ironie und Ernst, mit denen Laura Ryhänen uns das Lebensgefühl der Großmütter näher bringt. Wir trinken Wein und dann doch finnischen Schnaps. Wir geben uns hin an die Melancholie. Und wir lassen Uusikuu erst nach vielen Zugaben von der Bühne.
Danach kommt mir die Sommernacht sehr deutsch vor.

(Mehr zu Uusikuu und der sehr empfehlenswerten CD: http://www.uusikuu.com/
Und wer die CD erwerben will: info@uusikuu.com)

Inwischen ist einige Zeit vergangen. Ich bin in Helsinki gewesen, in der Absicht, M.A. Numminen zu interviewen. Den Kontakt hatte ich über finnische Bekannte bekommen, doch Numminen ließ ausrichten, dass er in seinem Sommerhaus sei und an einem neuen Buch schreibe. Helsinki war voller Touristen, dabei kühl, klar, freundlich und abweisend zugleich, und ich beschloss, weiterzureisen. Als ich mein abgestelltes Fahrrad belud, fingen vier Musiker in der Fußgängerzone an zu spielen. Tangos, die ich kannte. Ein unverhofftes Geschenk, ein Gefühl, dass jetzt alles stimmte.

Nach meiner Rückkehr kam ich auf einem meiner üblichen Wege an einem Werbeschild vorbei. Ich hatte es zuvor nie bemerkt. Es hing an einer Hauswand und gehörte zur Praxis eines Lebensberaters. Wir machen Gewinner, stand darauf. Der Berater war selbstverständlich kein einfacher Berater, sondern ein Personal Coach, und die Praxis keine Praxis, sondern eine Winner’s Lodge. Ich blieb davor stehen, die Kopfhörer auf den Ohren, und der Zufallsgenerator meiner stilistisch gewagt zusammengewürfelten Playlist bot mir einen Tango an, eine der alten Tanzsaal-Aufnahmen, mit dünnem Akkordeon und verklemmter Melodie in Moll.
Ein Gegenentwurf zu großen Gefühlen, übertriebenen Gesten, allgemeiner Aufgeblasenheit und rücksichtslosem Positivdenken.

In diesem Moment, als mir klarwurde, wie dringend die Welt den finnischen Tango braucht, wurde aus Verliebtheit Liebe.