Dass ich die Chefin bin im eigenen Schreiben, daran glaube ich schon lange nicht mehr.
Wenn mein Unbewusstes nichts liefert, sitze ich vor einem leeren Blatt, so viel ist selbst meinem Über-Ich klar. Und genau deshalb bepacke ich an einem frühen Dienstagmorgen bei Nieselregen mein Rad. Mein good old Es soll die Gelegenheit bekommen, in Ruhe ein paar Probleme zu lösen, die ich mit einer Romanfigur habe. Die Arbeitsteilung ist einfach: Ich lese die Karten, denke über den Weg nach, mein Leben, die Weltpolitik, die nächste Toilette, Bluestexte, die Liebe, mit welchem Dreisatz ich ausrechne, wieviel Minuten ich für einen Kilometer brauche und warum das Knüllgebirge Knüllgebirge heißt, während die Belegschaft dort unten meine Romanfigur genauer unter die Lupe nimmt. Abgesehen davon sorgt ES dafür, dass ich trete, bremse, lenke und die wichtigsten Eindrücke der Tour verarbeite. Alles, was ich tun muss, ist: meinen Verstand beschäftigen, damit er nicht dazwischenfunkt. Und meinem Über-Ich sagen, es soll sich gefälligst nicht so schwer machen.

Wir drei sind, nebenbei bemerkt, auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse. Die Termine, die wir am Freitag dort haben, sollten wir einhalten, sagt Über-Ich, sonst geht mindestens die Welt unter. Deshalb, und weil der eiskalte Sprühregen wahrhaft demotivierend ist, steigen wir in Frankfurt zunächst in einen Regionalexpress. Als wir den Zug nach einer knappen Stunde an einem mittelhessischen Dorfbahnhof verlassen, schickt die Sonne zögernde Strahlen durch die Wolkendecke. Wir summen das alte Lied Es, es, es und es vor uns hin und fahren immer Richtung Nordosten. Für die ersten dreißig oder vierzig Kilometer ist alles wunderbar. Wir sind draußen. Unterwegs. Bergiger wird die Landschaft. Hatten wir erwartet. Wie immer haben wir zu viel Gepäck. Kennen wir auch, typisch Über-Ich. Irgendwann holt der Regen uns ein. Macht nichts. Oder fast nichts. Muss es ausgerechnet hier sein, auf dieser Bundesstraße mit Schwerlastverkehr? Okay, lassen wir uns eben bespritzen. Der Wind hat uns inzwischen überholt und bläst uns entgegen. Und die Schilder auf der Bundesstraße wechseln von Gelb zu Blau. Zum Glück zweigt ein Feldweg ab. Schlaglöcher, seetiefe Pfützen und schlammige Baggerspuren. Wir haben nicht gewusst, dass ein Fahrrad in so kurzer Zeit so dreckig werden kann. Und auch nicht, dass ein Mensch trotz Regenkleidung so nass werden kann. Wir fahren wieder auf Straßen, bergwärts, der Wind wird zum Sturm, klatscht uns eiskalte Tropfen ins Gesicht, um gleich darauf zu drehen und uns fast quer über die Straße zu treiben. Absteigen. Das Rad mit beiden Händen festhalten. Hoffen, dass keiner der Bäume am Straßenrand umstürzt. Zwischen den Böen versuchen zu fahren. Irgendwann ist es dann soweit: Wir stehen in einem engen, niedrigen, historischen, vielleicht denkmalgeschützten Steintunnel mit einspuriger Verkehrsführung und hohem, verflucht schmalem, kopfsteingepflasterten Trottoir, auf dem das bepackte Rad kaum Platz findet. Wir stehen dort, weil es der einzige Ort weit und breit ist, an dem es nicht regnet. Wir bibbern, wir tropfen, unsere Füße in den triefnassen Turnschuhen sind aus Eis, die Hände auch. Es ist März, schweinekalt, unsere leichten Handschuhe ein Witz. Über-Ich hat seine große Stunde: Wer hat uns gemahnt, die Fleecejacke aus Norwegen mitzunehmen? Und die Zweitregenjacke? Wir wärmen uns in der Norwegerjacke, verzehren Notvorräte, fragen uns, warum, verdammt noch mal, wir nicht zur Buchmesse fahren können wie jeder andere auch? Dann fällt es uns wieder ein, und wir fahren friedlich hinaus in den Regen, summen Es es, es und es.

Die Dunkelheit kommt früh, bereits vor 18 Uhr herrscht Abendstimmung, alles strebt heim. Nur wir finden keine Bleibe. ES wird infantil. Über-Ich sagt ihm, es solle sich gefälligst zusammenreißen, du liebe Güte, wir sind in Deutschland, auf einer harmlosen Radtour, nicht im Urwald. Ich frage nach, googele, telefoniere, finde endlich ein zu teures Hotel, zu dem eine Straße in kleinen Kehren bergauf führt. Die Bedienungen tragen Dirndl. Und geben sich Mühe, ihr Entsetzen beim Anblick meiner Totalverschlammtheit nicht zu deutlich zu zeigen.
Da keiner von uns – selbst Über-ich nicht – große Lust verspürt, den Hügel hinunter und dann wieder heraufzufahren, sitzen wir eine halbe Stunde später entschlammt und halbwegs salonfähig im Speisesaal des Hotels. Sterneküche, nicht im Budget vorgesehen, außerdem gibt es ausschließlich Fleisch. Wir kennen das alles aus Frankreich: in die erstaunten Augen der Bedienung blicken und trotzdem tapfer dabei bleiben: Ja, ich bin Vegetarier! Was können wir denn da machen? Immer ist etwas zu machen. Meist Großartiges. Auch hier. Das Gemüse ist göttlich, der Preis erstaunlich genießbar. ES leidet trotzdem danach unter akuter Verarmungsangst, und Über-Ich drängt folgerichtig zur Arbeit. Das Mcbook-Air hat den Regen, wasserdicht verpackt, gut durchgestanden, wir klappen es auf und …
Das ist doch einer 300 Kilo Sau ganz egal, ob sie auf ihrem Ferkel liegt, sagt jemand.
Das, was ich in Hannover studiert habe, dafür brauchst du keine zwei Gehirnzellen, sagt ein anderer.
Sie sitzen am Tisch schräg gegenüber. Zwei Männer, noch jung. Veterinäre, wie sich herausstellt. Ihre Gesichter verletzlich, so ungeschützt. Sie trinken Bier. Und Schnaps. Im Wechsel. Sie müssen sich viel wegsaufen, wirken wie unter Schock, wie alt, knapp 30? Jünger wahrscheinlich. Noch in dem Alter, in dem man langsam begreift, dass das Studium vorbei ist, man jetzt arbeitet und dass es so bleibt. Ich mag sie. Auch wenn ich ihren Job grausam finde, nach all dem, was sie erzählen. Die Brutalität der Reality auf den Großbauernhöfen schockt sie, jedenfalls jetzt noch.
Das interessiert doch keine Sau, sagt der eine. Meint aber, glaube ich jedenfalls, nicht die Sau, die er vorhin erwähnt hat.

Später kommt der Wirt und will mit allen Gästen einen Schnaps trinken. Er ist 78 Jahre alt und musste das Geschäft seinem Sohn abgeben. Fast unmöglich für einen wie ihn. Er nennt mich „Mädel“ und rückt nahe. Als Mädel, beschließe ich, darf ich den Schnaps verweigern. Er redet viel, hat in seinen Berufsjahren viel mitbekommen, ohne sich, wie mir scheint, allzusehr für andere Menschen zu interessieren. Später geht es um seine Frau. Sie ist krank, längst nicht so fit wie er. Er hat ihr was zu trinken gebracht, bevor er in den Gastraum kam. Hoffentlich keinen Schnaps.
52 Jahre verbinden, sagt er. Und fragt im nächsten Moment, ob ich „ledig“ sei. Ich denke an Norwegen, wo ledig schlicht „frei“ bedeutet, egal, ob Hütte, Hotelzimmer oder Frau, und nicke.
Da hätte ich mir einiges erspart, sagt er. Dann erzählt er von dem gemeinsamen Hund, der sei immer auf Seite seiner Frau gewesen. Guter Hund, denke ich und gehe ins Bett.

Die Schweinegespräche werden mich verfolgen. Ebenso die Wirte als Performer und Selbstdarsteller. Was ich in diesem Moment, müde und mit schmerzenden Muskeln, zum Glück noch nicht weiß.

Am nächsten Tag geht es durch Thüringens Bergstädte. Logischerweise bergauf. Der Radweg führt durch den Wald. Über Wurzeln. Und durch Schlamm, Schlamm, Schlamm. Immernoch bergauf. Gibt es ein bergäufer?, diese Frage wird von ES hochgeschickt. Ich beschließe, dass es dieses Wort ab jetzt gibt. Ebenso wie Schlamm, Schlämmer, am Schlämmsten. Über-Ich findet uns kindisch. Ich frage es, wie lange es her ist, seit wir das letzte Wegzeichen gesehen haben, aber dafür ist es anscheinend nicht zuständig. Als wir schon nicht mehr glauben, dass wir jemals aus diesem Wald herauskommen, wird der Weg zum Sträßchen. Am Waldsaum treffen wir andere Radler, Mann und Frau, dick in Anoraks eingepackt. Während ich mich, mein Rad durch den Schlamm bergauf mehr zerrend als schiebend, immer weiter entblättert habe.
Der Blick des von Kopf bis Fuß mit Funktionsklamotten ausgestatteten Paares spricht Bände. Wir haben gar nicht gewusst, dass man auch im Partnerlook schauen kann, denken wir, zumindest ES und ich, während wir auf der Asphaltstraße – ein Traum – bergab sausen. In T-Shirt, Gymnastikhose und meiner als Shorts abgezippten Uralt-Trekkinghose (was Über-Ich dauerpeinlich ist.) Der Rest des Weges ist ziehen und zippen, Hose, Pullover, Fleecejacke, Regenjacke, Regenhose an, wieder aus, erneut an, bergauf, bergäufer, bergabber, immer gegen den Wind. Und über Kopfsteinpflaster. Ost-Kopfsteinpflaster, mit metertiefen Kratern und ganzen Biotopen zwischen den Steinen. Verlassene Gebäude in den Dörfern, Verfallenes, dazwischen liebevoll Hergerichtetes. Einsames. Weite Felder. Vielleicht hat Fontane LPG-Landschaften vorausgeahnt.
Alle, die ich treffe, die mir den Weg erklären oder nach dem Woher und Wohin fragen, sind freundlich, herzlich, fürsorglich fast. Sogar die Hunde. Ein großer Unterschied zu gestern, als ich noch durch Hessen fuhr. Der gestrige Tag war voller Männer, meist älter, die im Besserwisser-Tonfall durch Autofenster mit mir sprachen. Nach Leipzig? Bis Freitag? Na, dann müssense sich aber beeilen! Dazu das Ungesagte. Ob die das schafft?
Warum diese Zweifel? Nur, weil derjenige, der sie anmeldet, es garantiert nicht per Rad schaffen würde? Ich habe die Frage nie gestellt, die Herren hatten es zu eilig: Revier markiert, den Motor wieder angelassen und abgefahren.
Darüber denke ich nach, beim Fahren: über diesen Unterschied in den Mentalitäten, während wir Asylanten-Aufschriften an Überführungen passieren, und die Verschrecktheit derjenigen bemerken, die offensichtlich als Ausländer zu erkennen sind. Nicht nur Verschrecktheit, auch Feindseligkeit. Gegenwehr? Vorsicht? Dazu einige Gestalten wie aus dem Vorurteils-Bilderbuch: Jogginghose, Bierdose, irgendwie uncooler und gleichzeitig gefährlicher wirkend als ihr entsprechendes Pendant im Westen. Dann wieder, auf dem Markplatz einer verlassenen Stadt: die Zeit, die sich eine vielleicht 70-jährige Frau nimmt, die mich ratlos stehen sieht, über die Karte gebeugt, die Selbstsicherheit, mit der sie mir mögliche Wege neben der Schnellstraße zeigt, während der Wind uns die Karte fast aus der Hand reißt. Keine Besserwisserei, keine Zweifel.
Gegen Abend die Straußenfarm, überraschend, am Straßenrand. Die Vögel laufen mir entgegen, neugierig, irgendwie hoffnungsvoll. Ich rede mit ihnen. Sie nicht mit mir. Vielleicht verstehe ich sie nur nicht.
Kurz danach: Der Kleinwagen, der einen Laster überholt, mir entgegenkommt. Der Fahrer oder die Fahrerin muss mich genau sehen, rast trotzdem auf mich zu. Nimmt in Kauf, mich umzubringen. Fast routinemäßig springe ich vom Rad, zerre es zur Seite, lasse das Auto dicht an mir vorbeizischen. Normalität in Deutschland. Hier sind sich Ost und West inzwischen gleich, denke ich, als ich weiterfahre.

Am nächsten Bahnhof nehme ich den Regionalzug nach Erfurt. Es ist schon fast dunkel, und ich bin zu viel Zickzack gefahren, komme zu langsam voran. Wie unglaublich schön es ist, nur zu sitzen und sich nicht bewegen zu müssen. Es gibt so vieles, wofür wir in trauter Dreieinigkeit dankbar sind: Die Wärme, die Scheibe zwischen uns und dem herunterprasselnden Regen, das große Wunder, noch am Leben zu sein, das kleinere Wunder, über das Smartphone in einem fahrenden Zug eine preiswerte Unterkunft buchen zu können.

Viele Leute in den Gassen um den Bahnhof in Erfurt, mehr Studenten und Bürger als Touristen, querschießende Radler zwischen den Schienen, sie verschwinden in Seitenstraßen. Der Dom, überwältigend, auch im Dunklen.
Mein Zimmerschlüssel liegt im Safe in einem Hauseingang. Wir finden keinen Platz für das Rad, beschließen, es in die Vorhalle zu schleppen. Über-Ich will, dass wir es vorher wenigstens ein bisschen putzen. Also verbrauchen wir ein Päckchen Papiertaschentücher, dann ahnt man wieder, dass das Rad einmal blau war.
Zu Fuß zum Italiener. Fast alle Tische besetzt. Wir sitzen pizzaessend und arbeitend vor dem Notebook und versuchen, uns zu konzentrieren, werden jedoch abgelenkt vom Wirt, der am Nebentisch auf ein Pärchen einredet. Es geht um Urlaube. Alle waren schon überall. Länder, Erdteile, Plätze, Must-Sees und Geheimtipps schwirren durch die Luft. Der Wirt lässt die anderen kaum zu Wort kommen, kontert jede Erwähnung eines Ortes mit der Erwähnung eines besseren, hipperen, schmuckeren Platzes und wirkt dabei von Minute zu Minute erschöpfter. Sich in Szene zu setzen ist ein Fulltime-Job. Und wozu? Für einen Moment Lust, hinüberzugehen und ihn genau das zu fragen. Oder etwas Absurdes zu sagen, ein Zitat des gestern mitgehörten Gesprächs zum Beispiel. Einer 300 Kilo-Sau ist das doch ganz egal, ob Sie in Madeira waren.
Die Stadt draußen ist dunkel. Mein Bier leer. Es regnet unverdrossen. Ich weiß nicht, was Menschen dazu treibt, zu tun, was sie tun.

Erfurt. Bei sechs Grad und von Nieselregen unterbrochenem Morgensonnenschein immer noch bezaubernd und voller Leben. Malerische Gassen. Eine schöner als die andere. Der Dom. Das historische Rathaus. Die historische Brücke, der historische Brunnen. Das historische was weiß ich. Wunderbar. Beeindruckend. Jedenfalls beim ersten, beim zweiten, auch noch beim dritten Mal, als ich daran vorbeikomme. Beim vierten lässt ES von unten anfragen, was denn los sei. Beim fünften sind wir genervt. Immer an der entscheidenden Ecke fehlt das Schild zum Radweg nach Weimar. Außer diesem Weg über kleine Straßen und Dörfer gibt nur eine autobahnähnliche Schnellstraße. Meine Karte ist zu ungenau, um den Weg zu finden, der kleine Stadtplan vom Bahnhof hört an der entscheidenden Stelle auf. ES fragt an, ob Panik angesagt ist, Angst vor dem Eingeschlossensein oder dergleichen, Über-Ich und ich tippen uns solidarisch an die Stirn, dann betreten wir in geschlossener Formation den nächsten Radladen. Ein netter Mann zeigt mir die Route auf einer Karte, binnen fünf Minuten sind wir auf dem richtigen Weg. Es, es es und es, es ist ein harter Schluss, weil, weil, weil und weil ich aus Erfurt muss … summen wir vor uns hin, um ES ein bisschen zu ärgern. Aber ES bleibt stoisch, weist uns nur darauf hin, wie der Text weitergeht: Ich schlag mir Erfurt aus dem Sinn und wende mich Gott weiß wohin. Ich will mein Glück probieren … In Weimar zum Beispiel. Fast 30 Kilometer weiter, um einiges klüger, wiederholen wir in der Altstadt das gleiche Spiel, betreten aber viel früher einen Radladen mit ebenso freundlichem und hilfsbereitem Verkäufer, finden den Ilm-Radweg, und der Rest des Tages ist eine romantische, nicht ganz steigungsfreie Flusstour von der Ilm zur Saale und dann immer flussauf. Mit Gedanken, die Richtung Messe vorausfliegen. SMS wegen Terminänderungen, das Telefon piept in der Lenkertasche. Außerdem wilde SMSerei mit meinen Freunden. Die ihren – zumeist künstlerischen – Alltag leben, während ich irgendwo erschöpft vor einer weiteren Steigung stehe, einen Apfel inhaliere und an meine frühen Touren denke. Ende der Neunziger. Von SMS ahnte ich noch nichts. Damals war eine Solo-Tour durch Deutschland noch ein gefühltes Abenteuer. Heute ist ein solcher Trip nicht unbedingt Verlassen der Komfortzone, höchstens die Ausweitung der Kampfzone. Womit wir wieder beim Thema Literatur und Messe wären. Wohin für heute Nacht? Weit genug weg von Leipzig, um noch ein Zimmer zu bekommen, nahe genug, um rechtzeitig mit S-Bahn oder Regio zum Termin zu fahren. Wir landen in Naumburg. Weiter entfernt von Leipzig als wir wollten. Nach Umwegen und –bergigen – Irrwegen. Wie haben wir es bloß geschafft, uns auf dem ausgeschilderten Radweg so gründlich zu verfahren und die Richtung zu verlieren? Wer ist eigentlich verantwortlich für unseren mehr als bescheidenen Orientierungssinn? ES? Über-Ich, das handwedelnd jede Zuständigkeit abstreitet, ich, in all meiner Erschöpfung und Unzulänglichkeit? Nach Naumburg geht es bergauf, bergauf, verfallene Gebäude weichen beeindruckenden Gebäuden, Landgericht, Schloss, kein einziges Hotel. Auch nicht am Bahnhof, wohin die Hauptstraße bergab und stadtauswärts führt, immer trostloser wird die Gegend. An einem offenen Fenster eines abblätternden Hauses winken und lachen Kinder. Irgendwann ziehen wir doch das Mobiltelefon zurate und finden – bergauf! – Reste einer touristischen Altstadt. Geschlossene Wein-Verkostungsläden. Saale-Unstrut. Kirchen, ein Dom. Zwei Hotels. ES rät mir das erste an, mit rustikaler Kneipe und sehr netter Wirtin, die mir erzählt, dass sie öfter Messegäste beherbergt. Im zweiten, dem vermutlich weitaus teureren Hotel, esse ich später zu Abend. Steinwände. Saale-Unstrut-Weine von verschiedenen Winzern. Unaufdringliche klassische Musik, Kerzenlicht und Stoffservietten, man unterhält sich eher gedämpft. Eine Frauenrunde, hinter mir. Und zwei Männer am Nebentisch. Sicher Anwälte. Hier in Naumburg ist immerhin das Landgericht. Und die beiden umgibt eine zivilisierte, kulturimpägnierte Aura wie eine Glasglocke, außerdem liegt ein Bewusstsein ihrer Wichtigkeit in all ihren Bewegungen. Als das Wort „Schlachthof“ fällt, horchen wir auf, bleiben jedoch in unserem Deutungssystem. Aha. Ein interessanter Fall wahrscheinlich.
„Betäubung“, sagt einer, der Jüngere. „Pfeifer-Methode“, der andere. Darüber unterhalten sie sich länger. In dialektfreiem, gepflegten Hochdeutsch. Die Pfeifer-Methode ist grässlich, vor allem, weil das Tier nachher nicht mehr schmeckt. Dazu passend werden den beiden riesige Schnitzel serviert. Gourmets, die sich außergewöhnlich gut auskennen?
Eber, sagt der eine. Gutachter? Großbauern? Während wir unsere Tagiatelle verzehren, wird weiter von Ebern geredet, oder doch eher von einem speziellen Eber, einem Zuchteber vielleicht? Die beiden sind hingegeben an ihr Thema und aneinander, sie beachten weder die Gruppe Frauen, die ihnen schräg gegenüber sitzt, noch mich am Nebentisch.
Ich hol die Schweine ab, sagt der Ältere. Es klingt, als könnte man sich darauf verlassen. Überhaupt wirkt er bodenständig, auch bescheidener als der etwas feiste Jüngere, an dessen Hangelenk die Uhr golden funkelt, ebenso wie der breite Ehering an seinem Pummelfinger. Ungeachtet aller Unterschiede scheinen sie sich prächtig zu verstehen. Zumindest, was die Schweine betrifft.

Auf dem Rückweg durch die menschenleere Altstadtstraße beleuchten wir unsere Eindrücke noch einmal von allen Seiten und kommen überein, dass die beiden vermutlich Schlachter sind. Soweit zu deinen Kategorien, sage ich zu ES. Und was, zum Eber, soll uns die Tatsache sagen, dass ich auf dieser Tour an zwei von drei Tagen Männern zuhöre, die über Säue und Eber reden?
Dazu schweigt ES dezent. Über-Ich sowieso.

Am nächsten Morgen sitze ich einem älteren Herrn gegenüber, der die FAZ liest und in der rustikalen Gaststube fremd, aber irgendwie zufrieden wirkt. Später, als ich mein Rad schon gepackt habe, hält er mir die Tür auf. Auch er will zur Messe. Und er fährt ebenfalls gern Rad, am liebsten alleine. Wir unterhalten uns eine ganze Weile über das Radfahren. Dann wünschen wir einander eine schöne Messe. Er nimmt die Straßenbahn und den ICE, ich das Rad und den Regio. Ich weiß nicht, wer er ist, ob Autor, Verleger, Verlagsvertreter, Agent. Er weiß ebenso wenig von mir. Ich glaube, wir empfinden das beide in diesem Moment als Geschenk.

 

Vom Leipziger Hauptbahnhof fahre ich mit dem Rad durch die sonnige Stadt zum Messegelände. Die verschlammten, notdürftig geputzten Satteltaschen und die Lenkertasche werden von der Garderobenfrau mit stoischer Miene entgegengenommen. Es gibt Cappuccino. Espresso. Wechselnde Gegenüber. Musik, von irgendwoher. Und Bücher natürlich. Ich muss von Termin zu Termin eilen. Über-Ich macht sich schwer und ermahnt mich, mal in den Spiegel zu sehen zwischendurch. ES treibt sonstwas, arbeitet vielleicht am Roman. Ich denke an den Weg, habe den Weg in mir, wie immer, wenn ich per Rad irgendwo ankomme, dabei irre ich zwischen Ständen umher, suche und finde, finde manchmal nicht, umarme, schüttele Hände. Höre zu. Rede. Frage. Antworte. Kaum jemand – wenn wir ehrlich sind: eigentlich niemand – redet über Schweine.

Fast finden wir es schade.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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