Ich habe ein Arbeitsstipendium bekommen, ich habe Zeit bekommen.
So fängt mein euphorischer Bericht an, den ich Ende letzten Jahres bei der zuständigen Stelle abliefern musste.

Erst vor kurzem habe ich angefangen, mich um Stipendien zu bewerben. Vorher habe ich Poetischeres, mir am Herzen Liegendes nebenbei geschrieben, mein Geld mit Unterhaltungsliteratur und Auftragsarbeiten verdient.
Die Bewerbungen waren nur Teil eines umfassenderen Plans, mit Absagen rechnete ich, über Zusagen wunderte ich mich.
Und zerfloss vor Dankbarkeit.

Durch ein Stipendium gewinnt man Zeit, all die Wege zu gehen, die man beim Schreiben eines Romans gehen kann und muss. Befahrene Straßen meiden, anstrengende Pfade verfolgen, Geheimwege suchen, auf Irrwege geraten. Vor allem Letzteres. Das sagt uns schon Sten Nadolny: Schreibkrisen eröffnen einen Raum, den der Roman ohne diese Krise nie gehabt hätte; sie ermöglichen Raum für Gedanken, die nicht gekommen wären, wenn man sich nicht erlaubt hätte, das ganze Projekt und sich selbst einmal gründlich in Frage zu stellen. Schlotternd und nackt vor dem eigenen Text zu stehen, ist keine angenehme, aber eine existenzielle und manchmal nötige Erfahrung.

Dank des Stipendiums habe ich Gelegenheit und Muße bekommen, aufsteigende Zweifel am erzählerischen Prinzip des Romans zuzulassen. Ihm zu erlauben, sich gegen jede Chronologie zu sperren. Mich auf ihn einzulassen, ihn zu fragen, was er denn von mir will. Die Antwort ist knapp, aber deutlich: Eine bessere Autorin werden, als ich es zum jetzigen Zeitpunkt bin, das ist es, was er von mir verlangt.
Also gebe ich, was ich zu geben habe: Fleiß, Neugier, Mut, auch Demut; immer wieder fahre ich ihn gegen die Wand, wage neue Anläufe und Fehlstarts, schreibe und verwerfe bestimmt zwanzig Versionen, und langsam, sehr langsam, als ich schon nicht mehr daran glaube, beginnt sich etwas zu verändern. Irgendwann steht eine Version der ersten zwei Kapitel auf dem Papier, die etwas wie ein Ausgangspunkt sein könnte, und er signalisiert mir, dass wir vielleicht doch miteinander auskommen werden.
Dafür verlangt er Geheimhaltung, zumindest denjenigen gegenüber, die ihm schaden könnten. Also bin ich stolz auf mich, als ich es schaffe, auf der Buchmesse nicht über ihn zu reden, auch nicht mit den Verlagen, die durchaus Interesse an ihm bekundet haben, ihm jedoch etwas abverlangen würden, was er nicht leisten kann: es dem Leser wenigstens ein bisschen leichter zu machen. Genau dagegen wehre ich mich beim Schreiben, will nicht ins Szenische rutschen, ins lang Geübte, Selbstverständliche.
Diesen Roman, der um Verrat kreist, sich dem Thema mit größter Vorsicht annähern und mehrdeutig bleiben will, werde ich keinesfalls verraten.
Je weiter ich mich auf diesen Prozess einlasse, desto besser nehme ich mögliche, neue Verbindungen zwischen den Textstücken wahr. Nichts Offensichtliches, eher etwas Brüchiges, das unter dem Text liegt wie ein Gitter, dessen Streben nicht überall sichtbar oder vorhanden sind. Ich kann es sehen wie ein Bild, ein Kunstwerk. Es fühlt sich richtig an, ich bin dankbar dafür.

Ich habe Zeit bekommen, um zu der Brüchigkeit des Textes vorzudringen. Und genau das schreibe ich in den Bericht, der, zugegeben, eher poetologisch als sachlich ist, mit Notizbuchauszügen, in denen von Irrwegen die Rede ist, ebenso von meinem Stolz, den Text nicht verraten zu haben. Das Ganze auf den Schwingen hehrer Euphorie.

Die Antwort, die ich Wochen später bekomme, ist wenig euphorisch. Die Brüchigkeit und Ambiguität des Textes interessiert kein Schwein.
Der Bericht wurde, vermutlich kopfschüttelnd, unter einer Vorgangsnummer abgelegt, nachgefordert werden Fakten:
1) Wie hat sich das Buchprojekt in der Zeit der Förderung weiterentwickelt, wie viele Seiten hatte es vorher, wie viele danach?
2) Haben Sie mit dem Geld Recherchereisen unternommen ?
3) Gibt es eine erste Grobfassung? (Ich bin für Momente fassungslos bei der vorgestellten Fassungslosigkeit der Empfänger meiner in leuchtende Worte gefassten, naiven Dankbarkeit dafür, dass ich die Grobfassung dieses so fragilen Textes nicht schreiben musste. )
4)Was uns am meisten interessiert: Haben Sie Ihr Manuskript schon bei Verlagen eingereicht, gibt es die Aussicht auf Veröffentlichung?

Kunst zu ermöglichen, das habe ich immer geglaubt, sei ein tragendes Element von Kunstförderung. Anscheinend jedoch schwierig in einer durch und durch unkünstlerisch denkenden Welt.
Die Dankbarkeit jedoch bleibt, deshalb will ich mir die größtmögliche Mühe geben, die Fragen so aufrichtig wie möglich zu beantworten. Vielleicht so:

Vorgangsnummer 1579988N/101
1) Der Text hatte bei Einreichen zehn Seiten, ungefähr fünfzig bis siebzig habe ich danach geschrieben, sodass ich jetzt auf stolze siebzehn komme.
2) Ja, ich habe Recherchereisen unternommen, Forschungsreisen in entlegene Bereiche meines Hirns, wo die nackte Wahrheit wohnen soll. Es war nicht einfach, aber ziemlich aufregend.
3) Es gibt keine Grob-, nur eine Samtfassung.
4) Diesem Roman wollte ich alle Aussichten und Einsichten erhalten, ihn also erst dann einreichen, wenn er so weit ist, meinen oder seinen eigenen Ansprüchen auszureichen.

Auf die Antwort bin ich gespannt. Vielleicht wird sich ja unter dieser Vorgangsnummer eine künstlerische Korrespondenz entwickeln, wer weiß.

Erschienen am Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.