Entschleunigung in Georgien

Ich bin neu hier.
Vom Balkon aus ist die Stadt ein Gewirr aus Antennen, Dächern, Hinterhöfen. In dem Viertel, in dem wir wohnen, sind die Häuser gestützt von Stahlträgern, die Straßen unbefestigt. Eine Schlammwüste bei Regen, die wenigen Autos krachen in Schlaglöcher. Wenn wir das Haus verlassen, nehmen wir die Abkürzung über einen Hinterhof, wo sich Katzen räkeln, Kinder spielen, Nachbarn Wäsche aufhängen oder Autos reparieren. Vor uns gähnt ein immer offener Hauseingang, eine Treppe hinauf geht’s und eine hinunter, dann betreten wir eine andere Welt: die Straße mit den vielen Geschäften, die bergab zur Altstadt führt. Der Teil von Tbilissi, den man aus den Reiseführern kennt. Wo man sich selbst noch kennt.

Nur wenige Stationen mit der U-Bahn bis zum Goethe-Institut. Man kann auch laufen, vorbei an den Bettlern, den Verkrüppelten, die ihre festen Plätze am Straßenrand haben, den Gewürzhändlerinnen und den uralten Frauen mit Brot, Schinken, Wasserflaschen, den Straßenmusikern und den Animierern vor den Lokalen.
Das Fremde: Die wimmelnde, laute Masse auf der Straße. Der Männerüberschuss an den Abenden, die allgegenwärtige Religion, das Läuten der Kirchturmglocken zu den seltsamsten Zeiten. Das Marktgeschrei, jammernd und dringlich zugleich. Die streunenen Hunde und der verrückte Verkehr, der Wind, der den Staub und den Sand vor sich herfegt. Die kleinen, dunklen Läden in den Nebenstraßen, auf deren Treppenstufen Männer sitzen und Zeit haben. Die Schönheit des Verfalls, die ich bereits von woandersher kenne. Nicht fremd, sondern vertraut.

Das Goethe-Institut ist ein schattiger Ort mit Garten, eine Oase in der gnadenlosen Sonne, die jetzt im Mai schon ahnen lässt, was der Sommer hier vermag. Unsere Lesung findet in einem prächtigen Saal mit Flügel statt, wir sitzen an einem niedrigen Tisch. Wir, das sind meine Freundin und Autorenkollegin A., der ich es zu verdanken habe, dass ich hier bin – und eben ich, normalerweise mit dem Fahrrad unterwegs oder mit Gitarre im Gepäck. Die Gitarre wird mir gestellt, jeweils eine andere bei unseren beiden Lesungen in Georgien. Und jedesmal ein Instrument, das es mir so leicht macht wie die Menschen hier.

Entschleunigung ist das Thema meines Buches, in dem eine Frau allein mit dem Fahrrad bis nach Norwegen fährt. Begegnung mit dem Jetzt, Auszeit, unübersetzbare Wörter in einem Land, in dem alles komplett entschleunigt ist, bis auf den Autoverkehr. In Tbilissi wagt sich niemand mit dem Fahrrad auf die Straße, man sieht so gut wie keine Fahrräder und alles, was sich dem Verkehr entgegenstellt, wird weggehupt. Sogar die streunenden Hunde gehen zivilisiert bei Grün über die Ampel, sie wissen, dass niemand für sie bremst. Eine Geschichte über eine alleinreisende Radlerin löst hier großes Staunen und ein wenig Mitleid aus. Die Arme! Allein! Hat sie denn keine Verwandten und Bekannten, die mit ihr einen Ausflug machen, an einen hübschen Platz, um dort gemeinsam ein Schaschlik zu essen? Auf die Tatsache, dass die Heldin meines Buches ebenso wie ich Vegetarierin ist, wage ich gar nicht erst hinzuweisen. Nachher lobt man höflich die Gitarrenmusik zum Text, man hätte, sagt eine Frau, so schön dazu träumen können. Sie sagt es mit einem hinreißenden Lächeln und bringt mir Erdbeeren vom Buffet, obwohl ich direkt daneben stehe. Es sind hauptsächlich Frauen hier, etwas älter, gebildet, vermutlich alleinstehend. Und manche von ihnen mittellos. Sie gehen zu Lesungen im Goethe-Institut, weil es hier etwas zu hören, zu sehen, zu bereden und zu essen gibt. Eine von ihnen erzählt mir, sie sei Malerin, aber sie interessiert sich weder für die ausgestellten Bilder noch für die Bücher, nur für die mitgebrachten deutschen Modezeitschriften. Ihr Deutsch ist etwas brüchig, mein Dritte-Fremdsprache-Schulrussisch praktisch nicht mehr vorhanden, auf Georgisch schaffe ich bis jetzt „Danke“ und „Guten Tag!“, sodass unsere Unterhaltung nicht allzu lange dauert. Dafür kapert mich eine Russin, die perfekt Deutsch spricht, aber kein Georgisch kann, obwohl sie hier lebt. Früher hat sie DDR-Reisende geführt, durchs ganze Land bis nach Armenien und Aserbeidschan. Sie zählt mir jede Station auf, jedes Hotel, sie schwärmt von den goldenen Zeiten und auch von der Ex-DDR, wo sie, soweit ich sie verstehe, jedoch nie gewesen ist.
Eine andere Dame, eine ehemalige georgische Deutschlehrerin, fällt durch ihren Witz und ihre klugen Bemerkungen auf. Sie ist über achzig, wunderschön, elegant und würdevoll. Sofort ernennt sie einen der Herren unserer kleinen Gruppe zu ihrem Kavalier, und sie weiß auch genau, wie sich ein Kavalier zu verhalten hat. Dabei ist sie so selbstironisch und schlagfertig, dass alle bezaubert sind. Am Ende der Veranstaltung sorgt sie dafür, dass das übrigbleibende Essen an die richtigen Abnehmer gerät, beschenkt uns mit wunderschönen, handgearbeiteten kleinen Taschen und lässt sich von ihrem Kavalier die Treppe hinuntergeleiten. Ihr Mann, hat sie uns erzählt, sei schon vor Jahren gestorben. Jemand will ihr ein Taxi bestellen, sie lehnt ab. Ich hab keine Angst, sagt sie. In diesem Moment ist sie unantastbar, königlich, stark und zugleich verletzlich. Wir sind sehr froh, dass sich ein Kavalier findet, der sie auf dem Heimweg begleitet. Von dieser Begegnung reden wir noch lange.

Von Tag zu Tag bewege ich mich sicherer in der Stadt, die ich von Moment zu Moment mehr liebe. Die Hinterhöfe. Die Gesichter der Menschen. Niemand drängt sich vorbei, niemand fährt die Ellenbogen aus und rempelt, keine starren Blicke, versteinerten Gesichter, so wie zu Hause, wo alle alles haben und niemals genug. Ich weiß, dass ich romantisiere. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt soll hoch sein, bei vierzig Prozent, heißt es. Es gibt nichts zu tun, deshalb hat man Zeit.
Einmal, beim Obst-, Gemüse- und Lebensmittelhändler, dessen Laden sich im Flur eines baufälligen Hauses befindet, spüre ich meine mitgebrachte Rastlosigkeit besonders stark. Der Händler, den ich schon von anderen Einkäufen her kenne, hält ein Schwätzchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Seine Frau sitzt im Flur auf einem Hocker und telefoniert angeregt. Ich stehe vor der Auslage und betrachte das Obst. Erdbeeren, die, wie ich weiß, traumhaft schmecken, die man sofort genießen muss, weil sie nicht lange halten. Grüne Pflaumen, Ringlotten genannt. Eine Art saure Kirschen, deren Bezeichnung ich immer wieder vergesse, auf einen Stab gesteckt.
Ich betrachte das Obst ziemlich lange. Die Frau telefoniert und lächelt mir zu. Der Mann hält sein Schwätzchen. Ich spüre, wie die Empörung langsam hochköchelt: … Hallo! Ich bin doch Kundin! Wenn ihr mich nicht bedient, dann kauf ich eben woanders! … Und wie sie wieder verdampft. Wo will ich denn eigentlich hin, warum habe ich es so eilig? Die Frau telefoniert weiter und ruft ihren Mann, mit einem durchdringenden Schrei, der so klingt, als sollte er besser auf der Stelle hier antreten. Den Mann jedoch lässt der Schrei völlig kalt, das Schwätzchen ist wichtiger. Die Frau bedeutet mir mit Gesten, wie unmöglich sie das findet. Männer! Also wirklich! Dabei lacht sie. Ich muss auch lachen. Und betrachte das Obst. Wir kennen uns inzwischen richtig gut, das Obst und ich. Eine ganze Weile tut sich nichts. Die Frau telefoniert. Ruft ab und zu ihren Mann, schüttelt den Kopf, wir lachen. Irgendwann kommt er dann und ist die Zuvorkommenheit in Person. Ich verlasse den Laden mit Kirschen, Erdbeeren, Äpfeln, zwei Sorten Käse, Brot und einer großen Portion guter Laune.

Am nächsten Tag wieder Uni. Meine Freundin A. hält einen Vortrag über die deutsche Sprache vor Germanistikstudenten. Der Freund vom Goethe-Institut, bei dem wir wohnen, wird die Einführungsrede halten. Ich bin als Zuhörerin dabei. Man ist noch mit dem Beamer und der Technik beschäftigt, die Studenten unterhalten sich untereinander. Überall im Saal sind Bücherregale, gefüllt mit den großen Werken der Literatur. Eine ehrwürdige, Ehrfurcht erweckende Sammlung von Geist, Kunst, Wissen. Buchrücken an Buchrücken. Hardcover in gedämpften Farben. Und dazwischen etwas in auffäligem Pink. In zweifacher Ausfertigung. Ein Flirtratgeber, wie sich herausstellt. Zur Erheiterung oder Entspannung für die so eifrigen Studenten? Oder zum lockeren Spracherwerb gedacht? Und warum wird man auf diese Weise angezogen von etwas, das knatschpink zwischen all dem Großen und Beeindruckenden steht? Nicht nur mir geht es so. Auch unser Freund ist davor stehen geblieben, scheinbar absichtslos.
Ob ich schon reingeschaut hätte, fragt er. Nein, sage ich, aber eigentlich sei es das einzige Buch hier, das mich interessiere. Ihm gehe es genauso, sagt er, in jenem ironischen Ton, der zwischen uns dreien mittlerweile selbstverständlich geworden ist. Darauf gibt es natürlich kein Halten mehr, wir nehmen uns je ein rosa Buch, schlagen unter reißerischen Kapitelüberschriften nach und machen einander auf den einen oder anderen besonders frivolen Flirttrick aufmerksam. Und versäumen darüber, dass die Veranstaltung gerade beginnt. Als der Professor, bei dem wir Gast sind, sich uns mit salbungsvollen Worten zuwendet und die Einführungsrede ankündigt, haben wir die Flirtbücher noch in der Hand. Unser Freund wandelt sich auf der Stelle zum würdigen Vertreter des Goethe-Instituts und Deutschland in der Welt. Ich bewundere die Nonchalance, mit der er während seiner Rede das pinkfarbene Flirtbuch verschwinden lässt. Wohin, weiß ich nicht. Ich nehme mir vor, ihn nachher zu fragen, ob er jemals einen Zauberkurs gemacht hat. Doch dann fesseln mich der Vortrag von A. und die Fragen der Studierenden so sehr, dass ich es vergesse. Als wir gehen, stehen die beiden Ratgeber nebeneinander im Regal wie vorher.

Von Anfang an haben wir geflirtet, das Land und ich. Die abgeschnittenen Dörfer im Kaukasus, vom Flugzeug aus. Die Landschaft, die am Zugfenster vorbeifliegt, auf dem Weg nach Kutaisi, wo wir lesen. Kutaisi: Ein Traum aus Bergen am Horizont, Sehenswürdigkeiten, Kunst. Über dem Fluss ein Riesenrad. Ein überquellender Markt, den ich nicht zu fotografieren wage, um ihm die Seele nicht zu rauben. Viel goldenes Vlies, Medea, Argonauten. Denkmäler von inspirierten, musengeküssten Dichtern und Künstlern. Die Gruppe der vier steinernen singenden Schwestern im Park, von denen das berühmte Lied „Suliko“ stammen soll, das man auch auf Youtube anklicken kann.
Sonst ist Musik eher Männersache. Jedenfalls auf der Straße. Die berühmten polyphonen Gesänge gibt es nur im Konzert zu hören, die Straße bietet Improvisiertes, oft auf traditionellen Instrumenten. In Tbilissi, auf ihrem Stammplatz auf der Rustaveli-Straße, haben zwei Popmusiker ihre Instrumente aufgebaut. E -Gitarre und Schlagzeug. Der jugendliche Gitarrist mit den langen Haaren singt und spielt längst losing my religion auf Georgisch, während sich der Schlagzeuger noch in aller Ruhe eine Zigarette dreht. Sie anzündet. Raucht. Nur nichts überstürzen.
Einmal, an einem Feiertag, auch eine Frau. Mit Akkordeon. Und ihrem Mann. Der spielt Saxofon. Sie sind beide schon alt und betont offiziell angezogen: Faltenrock, Blazer, Anzughose. Auf rührende Weise wirken sie amtlich.
Den Bluesgitarristen, der unterhalb der einschüchternden steinernen Mutter Georgiens auf einer Bank vor sich hinspielt, würde ich gern ansprechen: Gamardschoba, ich bin auch Musikerin, Kollegin. Wie lebt es sich als Musiker in Tbilissi, welche Clubs gibt es, welche Bands?
Doch wie wirkt das, wenn ich hier einfach so einen Mann anspreche? Ich bin mir darüber genauso unsicher wie über die angemessene Kleidung – wie kurz darf mein Kleid sein, kann ich bei großer Hitze auch mal in Shorts herumlaufen? Einige jüngere Frauen tun es, doch im allgemeinen wird mehr verhüllt als gezeigt. Die Paare werden oft noch einander anverlobt, die Eltern haben dabei viel zu sagen. Sex vor der Ehe ist eher nicht üblich, zumindest offiziell. Auf dem Weg, der fort vom Touristentrubel um die Mutter Georgiens führt, umarmen sich junge Paare im Schutz der Bäume und Büsche.
Dann niemand mehr. Nur noch ein Hund. Einsam, mager, so vorsichtig und scheu wie ich.
Als ich unten in der Stadt ankomme und auf die anderen warte, spielt am Place of Freedom eine Frau Gitarre und singt dazu. Ein Mädchen noch, in punkigem Outfit, mit wirrem Haar. Ihr Freund geht mit dem Hut herum und passt auf sie auf.

Wir sind hier, um zu arbeiten. Längst hat sich eine Routine des Schreibens und der Termine entwickelt. A. führt Interviews zu einem bestimmten Thema für ihren neuen Roman. Für mich tun sich überraschend auch Recherchemöglichkeiten auf. Ich suche schon länger Kontakt zu Menschen, die es vor allem beruflich durch die Welt treibt, und jetzt bekomme ich die Möglichkeit, einigen von ihnen Fragen zu stellen.
Wo ich zweimal übernachtet habe, da fühl ich mich zuhause, sagt einer, ein Unternehmer im wahrsten Sinne des Wortes, den wir auf ein Weingut begleiten. Ein Deutscher, der seine georgischen Verhandlungspartner aus wachen Augen anblickt, der genau zuhört, bevor er einen Entschluss fasst und handelt.
Mit seinem Satz spricht er mir aus der Seele. Sich eine vertraute Welt schaffen im Unvertrauten, sich im Unterwegssein einrichten, das ist auch mein Lebensgefühl. Doch aus welchem Motiv heraus tut man das: weil man sich auf der ganzen Welt geborgen fühlt oder aus dem entgegengesetzten Grund? Meinen eigenen Grund kenne ich. Nach seinem wage ich nicht zu fragen, er ist zu beschäftigt. Er hat einiges zu besprechen und anzusehen auf diesem Weingut, das die üblichen Spuren von Verfall und Idyll zeigt. Aus dem man viel mehr machen könnte, sagt einer der Männer, ein Georgier, der lange in Deutschland gewesen ist. Das gut liegt günstig, nicht weit von Tbilissi. Angebunden an die Autobahn, jedenfalls einigermaßen. Mit Blick auf ein berühmtes Kloster. Man könnte ein Hotel hinbauen, ein Urlaubs-Entspannungs-Paradies, gar nicht groß, ganz bescheiden. Ökologisch. Geheimtipp. Aber das, sagt er und lacht, das sei vielleicht der typischste Satz, den man über Georgien sagen könnte: Ein großes Potenzial, aus dem wenig gemacht wird.
Vielleicht ist das gut so. Genau richtig.
An diesem Vormittag erscheint es mir richtig. Wir dürfen uns erholen und entspannen, an einem Holztisch, während die Männer ihre Geschäfte tätigen. Man ist ein wenig besorgt, ob wir uns vielleicht langweilen könnten. Oder uns zu heiß sei. Und damit wir nicht auf dem Trockenen sitzen, stellt man uns den hier nach traditionellen Methoden gekelterten Rotwein hin. Zum Probieren. Eine anderhalb-Liter-Karaffe.
Auch das ist typisch. Vielleicht noch mehr als alles andere.

Einer der letzten Abende. Im Lokal im Touristenviertel. Alle Tische sind besetzt. Das Gespräch an unserem Tisch kreist um Wortendungen im amerikanischen Englisch und im Deutschen. Ab und zu erscheint ein Kellner und bringt Wein und immer neue Speisen, an deren Herrlichkeit ich mich längst gewöhnt habe. Schon ein wenig Abschiedsschmerz. Untermalt von Live-Musik. Von einem Duo, Gitarre und Saxophon. Die beiden Musiker sehen einander ähnlich: klein, schlank, weißhaarig, vielleicht um die Achtzig. Ihre Musik ist dezent. Jazz-Standards, alte Popsongs, bekannte Instrumentals. Nichts Folkloristisches. Nichts, was beim Essen stören, überhaupt verstören könnte. Die kurze Stille zwischen den Liedern fällt mehr auf als die Musik. Der Beifall kommt rasch und beinahe schuldbewusst. Je länger das so geht, desto entschiedener wenden sich die beiden von den Tischen ab und einander zu. Spielen ausschließlich füreinander. Ich beobachte sie verstohlen, diese beiden alten Männer mit ihren drahtigen Körpern, die noch so jung wirken. Die Vergänglichkeit liegt in ihren faltigen Gesichtern, auch in der vorsichtigen, zärtlichen Art wie sie einander anspielen.
An den Tischen ist es lauter geworden, auch an unserem. Das Gespräch kreist nun um Fluchwörter. Die Herkunft von „Fuck“, „Ficken“, alles unter linguistischen Aspekten. Zwischendurch der schnelle, mechanische Beifall bei Liedende. Auf einmal empfinde ich alles als grob. Die Linguistik-Fachgespräche. Die Stimmen der anderen Gäste. Die Lieblosigkeit des Beifalls. Meine eigene Neugier. Mein Eindringen mit Ohr und Blick in die Intimität der beiden jungen alten Männer, die ihre Musik lieber bei sich behalten würden.
Später, auf dem Heimweg, während ich hinter den anderen hergehe, das brüchige Love me tender von Sax und Gitarre noch im Ohr, denke ich, dass es für die beiden Musiker wahrscheinlich einfach ein Job war, nichts weiter.

Vom Flugzeug aus wieder die verlassenen Dörfer. Ich verspreche ihnen still meinen Besuch. Zu einer anderen Zeit. Mit einem anderen Verkehrsmittel. Dem Rad. Vielleicht.
Den Dörfern ist das egal, sie entschwinden.
Und ich – ich muss noch ein wenig Mut tanken.

Es, es, es und es

Dass ich die Chefin bin im eigenen Schreiben, daran glaube ich schon lange nicht mehr.
Wenn mein Unbewusstes nichts liefert, sitze ich vor einem leeren Blatt, so viel ist selbst meinem Über-Ich klar. Und genau deshalb bepacke ich an einem frühen Dienstagmorgen bei Nieselregen mein Rad. Mein good old Es soll die Gelegenheit bekommen, in Ruhe ein paar Probleme zu lösen, die ich mit einer Romanfigur habe. Die Arbeitsteilung ist einfach: Ich lese die Karten, denke über den Weg nach, mein Leben, die Weltpolitik, die nächste Toilette, Bluestexte, die Liebe, mit welchem Dreisatz ich ausrechne, wieviel Minuten ich für einen Kilometer brauche und warum das Knüllgebirge Knüllgebirge heißt, während die Belegschaft dort unten meine Romanfigur genauer unter die Lupe nimmt. Abgesehen davon sorgt ES dafür, dass ich trete, bremse, lenke und die wichtigsten Eindrücke der Tour verarbeite. Alles, was ich tun muss, ist: meinen Verstand beschäftigen, damit er nicht dazwischenfunkt. Und meinem Über-Ich sagen, es soll sich gefälligst nicht so schwer machen.

Wir drei sind, nebenbei bemerkt, auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse. Die Termine, die wir am Freitag dort haben, sollten wir einhalten, sagt Über-Ich, sonst geht mindestens die Welt unter. Deshalb, und weil der eiskalte Sprühregen wahrhaft demotivierend ist, steigen wir in Frankfurt zunächst in einen Regionalexpress. Als wir den Zug nach einer knappen Stunde an einem mittelhessischen Dorfbahnhof verlassen, schickt die Sonne zögernde Strahlen durch die Wolkendecke. Wir summen das alte Lied Es, es, es und es vor uns hin und fahren immer Richtung Nordosten. Für die ersten dreißig oder vierzig Kilometer ist alles wunderbar. Wir sind draußen. Unterwegs. Bergiger wird die Landschaft. Hatten wir erwartet. Wie immer haben wir zu viel Gepäck. Kennen wir auch, typisch Über-Ich. Irgendwann holt der Regen uns ein. Macht nichts. Oder fast nichts. Muss es ausgerechnet hier sein, auf dieser Bundesstraße mit Schwerlastverkehr? Okay, lassen wir uns eben bespritzen. Der Wind hat uns inzwischen überholt und bläst uns entgegen. Und die Schilder auf der Bundesstraße wechseln von Gelb zu Blau. Zum Glück zweigt ein Feldweg ab. Schlaglöcher, seetiefe Pfützen und schlammige Baggerspuren. Wir haben nicht gewusst, dass ein Fahrrad in so kurzer Zeit so dreckig werden kann. Und auch nicht, dass ein Mensch trotz Regenkleidung so nass werden kann. Wir fahren wieder auf Straßen, bergwärts, der Wind wird zum Sturm, klatscht uns eiskalte Tropfen ins Gesicht, um gleich darauf zu drehen und uns fast quer über die Straße zu treiben. Absteigen. Das Rad mit beiden Händen festhalten. Hoffen, dass keiner der Bäume am Straßenrand umstürzt. Zwischen den Böen versuchen zu fahren. Irgendwann ist es dann soweit: Wir stehen in einem engen, niedrigen, historischen, vielleicht denkmalgeschützten Steintunnel mit einspuriger Verkehrsführung und hohem, verflucht schmalem, kopfsteingepflasterten Trottoir, auf dem das bepackte Rad kaum Platz findet. Wir stehen dort, weil es der einzige Ort weit und breit ist, an dem es nicht regnet. Wir bibbern, wir tropfen, unsere Füße in den triefnassen Turnschuhen sind aus Eis, die Hände auch. Es ist März, schweinekalt, unsere leichten Handschuhe ein Witz. Über-Ich hat seine große Stunde: Wer hat uns gemahnt, die Fleecejacke aus Norwegen mitzunehmen? Und die Zweitregenjacke? Wir wärmen uns in der Norwegerjacke, verzehren Notvorräte, fragen uns, warum, verdammt noch mal, wir nicht zur Buchmesse fahren können wie jeder andere auch? Dann fällt es uns wieder ein, und wir fahren friedlich hinaus in den Regen, summen Es es, es und es.

Die Dunkelheit kommt früh, bereits vor 18 Uhr herrscht Abendstimmung, alles strebt heim. Nur wir finden keine Bleibe. ES wird infantil. Über-Ich sagt ihm, es solle sich gefälligst zusammenreißen, du liebe Güte, wir sind in Deutschland, auf einer harmlosen Radtour, nicht im Urwald. Ich frage nach, googele, telefoniere, finde endlich ein zu teures Hotel, zu dem eine Straße in kleinen Kehren bergauf führt. Die Bedienungen tragen Dirndl. Und geben sich Mühe, ihr Entsetzen beim Anblick meiner Totalverschlammtheit nicht zu deutlich zu zeigen.
Da keiner von uns – selbst Über-ich nicht – große Lust verspürt, den Hügel hinunter und dann wieder heraufzufahren, sitzen wir eine halbe Stunde später entschlammt und halbwegs salonfähig im Speisesaal des Hotels. Sterneküche, nicht im Budget vorgesehen, außerdem gibt es ausschließlich Fleisch. Wir kennen das alles aus Frankreich: in die erstaunten Augen der Bedienung blicken und trotzdem tapfer dabei bleiben: Ja, ich bin Vegetarier! Was können wir denn da machen? Immer ist etwas zu machen. Meist Großartiges. Auch hier. Das Gemüse ist göttlich, der Preis erstaunlich genießbar. ES leidet trotzdem danach unter akuter Verarmungsangst, und Über-Ich drängt folgerichtig zur Arbeit. Das Mcbook-Air hat den Regen, wasserdicht verpackt, gut durchgestanden, wir klappen es auf und …
Das ist doch einer 300 Kilo Sau ganz egal, ob sie auf ihrem Ferkel liegt, sagt jemand.
Das, was ich in Hannover studiert habe, dafür brauchst du keine zwei Gehirnzellen, sagt ein anderer.
Sie sitzen am Tisch schräg gegenüber. Zwei Männer, noch jung. Veterinäre, wie sich herausstellt. Ihre Gesichter verletzlich, so ungeschützt. Sie trinken Bier. Und Schnaps. Im Wechsel. Sie müssen sich viel wegsaufen, wirken wie unter Schock, wie alt, knapp 30? Jünger wahrscheinlich. Noch in dem Alter, in dem man langsam begreift, dass das Studium vorbei ist, man jetzt arbeitet und dass es so bleibt. Ich mag sie. Auch wenn ich ihren Job grausam finde, nach all dem, was sie erzählen. Die Brutalität der Reality auf den Großbauernhöfen schockt sie, jedenfalls jetzt noch.
Das interessiert doch keine Sau, sagt der eine. Meint aber, glaube ich jedenfalls, nicht die Sau, die er vorhin erwähnt hat.

Später kommt der Wirt und will mit allen Gästen einen Schnaps trinken. Er ist 78 Jahre alt und musste das Geschäft seinem Sohn abgeben. Fast unmöglich für einen wie ihn. Er nennt mich „Mädel“ und rückt nahe. Als Mädel, beschließe ich, darf ich den Schnaps verweigern. Er redet viel, hat in seinen Berufsjahren viel mitbekommen, ohne sich, wie mir scheint, allzusehr für andere Menschen zu interessieren. Später geht es um seine Frau. Sie ist krank, längst nicht so fit wie er. Er hat ihr was zu trinken gebracht, bevor er in den Gastraum kam. Hoffentlich keinen Schnaps.
52 Jahre verbinden, sagt er. Und fragt im nächsten Moment, ob ich „ledig“ sei. Ich denke an Norwegen, wo ledig schlicht „frei“ bedeutet, egal, ob Hütte, Hotelzimmer oder Frau, und nicke.
Da hätte ich mir einiges erspart, sagt er. Dann erzählt er von dem gemeinsamen Hund, der sei immer auf Seite seiner Frau gewesen. Guter Hund, denke ich und gehe ins Bett.

Die Schweinegespräche werden mich verfolgen. Ebenso die Wirte als Performer und Selbstdarsteller. Was ich in diesem Moment, müde und mit schmerzenden Muskeln, zum Glück noch nicht weiß.

Am nächsten Tag geht es durch Thüringens Bergstädte. Logischerweise bergauf. Der Radweg führt durch den Wald. Über Wurzeln. Und durch Schlamm, Schlamm, Schlamm. Immernoch bergauf. Gibt es ein bergäufer?, diese Frage wird von ES hochgeschickt. Ich beschließe, dass es dieses Wort ab jetzt gibt. Ebenso wie Schlamm, Schlämmer, am Schlämmsten. Über-Ich findet uns kindisch. Ich frage es, wie lange es her ist, seit wir das letzte Wegzeichen gesehen haben, aber dafür ist es anscheinend nicht zuständig. Als wir schon nicht mehr glauben, dass wir jemals aus diesem Wald herauskommen, wird der Weg zum Sträßchen. Am Waldsaum treffen wir andere Radler, Mann und Frau, dick in Anoraks eingepackt. Während ich mich, mein Rad durch den Schlamm bergauf mehr zerrend als schiebend, immer weiter entblättert habe.
Der Blick des von Kopf bis Fuß mit Funktionsklamotten ausgestatteten Paares spricht Bände. Wir haben gar nicht gewusst, dass man auch im Partnerlook schauen kann, denken wir, zumindest ES und ich, während wir auf der Asphaltstraße – ein Traum – bergab sausen. In T-Shirt, Gymnastikhose und meiner als Shorts abgezippten Uralt-Trekkinghose (was Über-Ich dauerpeinlich ist.) Der Rest des Weges ist ziehen und zippen, Hose, Pullover, Fleecejacke, Regenjacke, Regenhose an, wieder aus, erneut an, bergauf, bergäufer, bergabber, immer gegen den Wind. Und über Kopfsteinpflaster. Ost-Kopfsteinpflaster, mit metertiefen Kratern und ganzen Biotopen zwischen den Steinen. Verlassene Gebäude in den Dörfern, Verfallenes, dazwischen liebevoll Hergerichtetes. Einsames. Weite Felder. Vielleicht hat Fontane LPG-Landschaften vorausgeahnt.
Alle, die ich treffe, die mir den Weg erklären oder nach dem Woher und Wohin fragen, sind freundlich, herzlich, fürsorglich fast. Sogar die Hunde. Ein großer Unterschied zu gestern, als ich noch durch Hessen fuhr. Der gestrige Tag war voller Männer, meist älter, die im Besserwisser-Tonfall durch Autofenster mit mir sprachen. Nach Leipzig? Bis Freitag? Na, dann müssense sich aber beeilen! Dazu das Ungesagte. Ob die das schafft?
Warum diese Zweifel? Nur, weil derjenige, der sie anmeldet, es garantiert nicht per Rad schaffen würde? Ich habe die Frage nie gestellt, die Herren hatten es zu eilig: Revier markiert, den Motor wieder angelassen und abgefahren.
Darüber denke ich nach, beim Fahren: über diesen Unterschied in den Mentalitäten, während wir Asylanten-Aufschriften an Überführungen passieren, und die Verschrecktheit derjenigen bemerken, die offensichtlich als Ausländer zu erkennen sind. Nicht nur Verschrecktheit, auch Feindseligkeit. Gegenwehr? Vorsicht? Dazu einige Gestalten wie aus dem Vorurteils-Bilderbuch: Jogginghose, Bierdose, irgendwie uncooler und gleichzeitig gefährlicher wirkend als ihr entsprechendes Pendant im Westen. Dann wieder, auf dem Markplatz einer verlassenen Stadt: die Zeit, die sich eine vielleicht 70-jährige Frau nimmt, die mich ratlos stehen sieht, über die Karte gebeugt, die Selbstsicherheit, mit der sie mir mögliche Wege neben der Schnellstraße zeigt, während der Wind uns die Karte fast aus der Hand reißt. Keine Besserwisserei, keine Zweifel.
Gegen Abend die Straußenfarm, überraschend, am Straßenrand. Die Vögel laufen mir entgegen, neugierig, irgendwie hoffnungsvoll. Ich rede mit ihnen. Sie nicht mit mir. Vielleicht verstehe ich sie nur nicht.
Kurz danach: Der Kleinwagen, der einen Laster überholt, mir entgegenkommt. Der Fahrer oder die Fahrerin muss mich genau sehen, rast trotzdem auf mich zu. Nimmt in Kauf, mich umzubringen. Fast routinemäßig springe ich vom Rad, zerre es zur Seite, lasse das Auto dicht an mir vorbeizischen. Normalität in Deutschland. Hier sind sich Ost und West inzwischen gleich, denke ich, als ich weiterfahre.

Am nächsten Bahnhof nehme ich den Regionalzug nach Erfurt. Es ist schon fast dunkel, und ich bin zu viel Zickzack gefahren, komme zu langsam voran. Wie unglaublich schön es ist, nur zu sitzen und sich nicht bewegen zu müssen. Es gibt so vieles, wofür wir in trauter Dreieinigkeit dankbar sind: Die Wärme, die Scheibe zwischen uns und dem herunterprasselnden Regen, das große Wunder, noch am Leben zu sein, das kleinere Wunder, über das Smartphone in einem fahrenden Zug eine preiswerte Unterkunft buchen zu können.

Viele Leute in den Gassen um den Bahnhof in Erfurt, mehr Studenten und Bürger als Touristen, querschießende Radler zwischen den Schienen, sie verschwinden in Seitenstraßen. Der Dom, überwältigend, auch im Dunklen.
Mein Zimmerschlüssel liegt im Safe in einem Hauseingang. Wir finden keinen Platz für das Rad, beschließen, es in die Vorhalle zu schleppen. Über-Ich will, dass wir es vorher wenigstens ein bisschen putzen. Also verbrauchen wir ein Päckchen Papiertaschentücher, dann ahnt man wieder, dass das Rad einmal blau war.
Zu Fuß zum Italiener. Fast alle Tische besetzt. Wir sitzen pizzaessend und arbeitend vor dem Notebook und versuchen, uns zu konzentrieren, werden jedoch abgelenkt vom Wirt, der am Nebentisch auf ein Pärchen einredet. Es geht um Urlaube. Alle waren schon überall. Länder, Erdteile, Plätze, Must-Sees und Geheimtipps schwirren durch die Luft. Der Wirt lässt die anderen kaum zu Wort kommen, kontert jede Erwähnung eines Ortes mit der Erwähnung eines besseren, hipperen, schmuckeren Platzes und wirkt dabei von Minute zu Minute erschöpfter. Sich in Szene zu setzen ist ein Fulltime-Job. Und wozu? Für einen Moment Lust, hinüberzugehen und ihn genau das zu fragen. Oder etwas Absurdes zu sagen, ein Zitat des gestern mitgehörten Gesprächs zum Beispiel. Einer 300 Kilo-Sau ist das doch ganz egal, ob Sie in Madeira waren.
Die Stadt draußen ist dunkel. Mein Bier leer. Es regnet unverdrossen. Ich weiß nicht, was Menschen dazu treibt, zu tun, was sie tun.

Erfurt. Bei sechs Grad und von Nieselregen unterbrochenem Morgensonnenschein immer noch bezaubernd und voller Leben. Malerische Gassen. Eine schöner als die andere. Der Dom. Das historische Rathaus. Die historische Brücke, der historische Brunnen. Das historische was weiß ich. Wunderbar. Beeindruckend. Jedenfalls beim ersten, beim zweiten, auch noch beim dritten Mal, als ich daran vorbeikomme. Beim vierten lässt ES von unten anfragen, was denn los sei. Beim fünften sind wir genervt. Immer an der entscheidenden Ecke fehlt das Schild zum Radweg nach Weimar. Außer diesem Weg über kleine Straßen und Dörfer gibt nur eine autobahnähnliche Schnellstraße. Meine Karte ist zu ungenau, um den Weg zu finden, der kleine Stadtplan vom Bahnhof hört an der entscheidenden Stelle auf. ES fragt an, ob Panik angesagt ist, Angst vor dem Eingeschlossensein oder dergleichen, Über-Ich und ich tippen uns solidarisch an die Stirn, dann betreten wir in geschlossener Formation den nächsten Radladen. Ein netter Mann zeigt mir die Route auf einer Karte, binnen fünf Minuten sind wir auf dem richtigen Weg. Es, es es und es, es ist ein harter Schluss, weil, weil, weil und weil ich aus Erfurt muss … summen wir vor uns hin, um ES ein bisschen zu ärgern. Aber ES bleibt stoisch, weist uns nur darauf hin, wie der Text weitergeht: Ich schlag mir Erfurt aus dem Sinn und wende mich Gott weiß wohin. Ich will mein Glück probieren … In Weimar zum Beispiel. Fast 30 Kilometer weiter, um einiges klüger, wiederholen wir in der Altstadt das gleiche Spiel, betreten aber viel früher einen Radladen mit ebenso freundlichem und hilfsbereitem Verkäufer, finden den Ilm-Radweg, und der Rest des Tages ist eine romantische, nicht ganz steigungsfreie Flusstour von der Ilm zur Saale und dann immer flussauf. Mit Gedanken, die Richtung Messe vorausfliegen. SMS wegen Terminänderungen, das Telefon piept in der Lenkertasche. Außerdem wilde SMSerei mit meinen Freunden. Die ihren – zumeist künstlerischen – Alltag leben, während ich irgendwo erschöpft vor einer weiteren Steigung stehe, einen Apfel inhaliere und an meine frühen Touren denke. Ende der Neunziger. Von SMS ahnte ich noch nichts. Damals war eine Solo-Tour durch Deutschland noch ein gefühltes Abenteuer. Heute ist ein solcher Trip nicht unbedingt Verlassen der Komfortzone, höchstens die Ausweitung der Kampfzone. Womit wir wieder beim Thema Literatur und Messe wären. Wohin für heute Nacht? Weit genug weg von Leipzig, um noch ein Zimmer zu bekommen, nahe genug, um rechtzeitig mit S-Bahn oder Regio zum Termin zu fahren. Wir landen in Naumburg. Weiter entfernt von Leipzig als wir wollten. Nach Umwegen und –bergigen – Irrwegen. Wie haben wir es bloß geschafft, uns auf dem ausgeschilderten Radweg so gründlich zu verfahren und die Richtung zu verlieren? Wer ist eigentlich verantwortlich für unseren mehr als bescheidenen Orientierungssinn? ES? Über-Ich, das handwedelnd jede Zuständigkeit abstreitet, ich, in all meiner Erschöpfung und Unzulänglichkeit? Nach Naumburg geht es bergauf, bergauf, verfallene Gebäude weichen beeindruckenden Gebäuden, Landgericht, Schloss, kein einziges Hotel. Auch nicht am Bahnhof, wohin die Hauptstraße bergab und stadtauswärts führt, immer trostloser wird die Gegend. An einem offenen Fenster eines abblätternden Hauses winken und lachen Kinder. Irgendwann ziehen wir doch das Mobiltelefon zurate und finden – bergauf! – Reste einer touristischen Altstadt. Geschlossene Wein-Verkostungsläden. Saale-Unstrut. Kirchen, ein Dom. Zwei Hotels. ES rät mir das erste an, mit rustikaler Kneipe und sehr netter Wirtin, die mir erzählt, dass sie öfter Messegäste beherbergt. Im zweiten, dem vermutlich weitaus teureren Hotel, esse ich später zu Abend. Steinwände. Saale-Unstrut-Weine von verschiedenen Winzern. Unaufdringliche klassische Musik, Kerzenlicht und Stoffservietten, man unterhält sich eher gedämpft. Eine Frauenrunde, hinter mir. Und zwei Männer am Nebentisch. Sicher Anwälte. Hier in Naumburg ist immerhin das Landgericht. Und die beiden umgibt eine zivilisierte, kulturimpägnierte Aura wie eine Glasglocke, außerdem liegt ein Bewusstsein ihrer Wichtigkeit in all ihren Bewegungen. Als das Wort „Schlachthof“ fällt, horchen wir auf, bleiben jedoch in unserem Deutungssystem. Aha. Ein interessanter Fall wahrscheinlich.
„Betäubung“, sagt einer, der Jüngere. „Pfeifer-Methode“, der andere. Darüber unterhalten sie sich länger. In dialektfreiem, gepflegten Hochdeutsch. Die Pfeifer-Methode ist grässlich, vor allem, weil das Tier nachher nicht mehr schmeckt. Dazu passend werden den beiden riesige Schnitzel serviert. Gourmets, die sich außergewöhnlich gut auskennen?
Eber, sagt der eine. Gutachter? Großbauern? Während wir unsere Tagiatelle verzehren, wird weiter von Ebern geredet, oder doch eher von einem speziellen Eber, einem Zuchteber vielleicht? Die beiden sind hingegeben an ihr Thema und aneinander, sie beachten weder die Gruppe Frauen, die ihnen schräg gegenüber sitzt, noch mich am Nebentisch.
Ich hol die Schweine ab, sagt der Ältere. Es klingt, als könnte man sich darauf verlassen. Überhaupt wirkt er bodenständig, auch bescheidener als der etwas feiste Jüngere, an dessen Hangelenk die Uhr golden funkelt, ebenso wie der breite Ehering an seinem Pummelfinger. Ungeachtet aller Unterschiede scheinen sie sich prächtig zu verstehen. Zumindest, was die Schweine betrifft.

Auf dem Rückweg durch die menschenleere Altstadtstraße beleuchten wir unsere Eindrücke noch einmal von allen Seiten und kommen überein, dass die beiden vermutlich Schlachter sind. Soweit zu deinen Kategorien, sage ich zu ES. Und was, zum Eber, soll uns die Tatsache sagen, dass ich auf dieser Tour an zwei von drei Tagen Männern zuhöre, die über Säue und Eber reden?
Dazu schweigt ES dezent. Über-Ich sowieso.

Am nächsten Morgen sitze ich einem älteren Herrn gegenüber, der die FAZ liest und in der rustikalen Gaststube fremd, aber irgendwie zufrieden wirkt. Später, als ich mein Rad schon gepackt habe, hält er mir die Tür auf. Auch er will zur Messe. Und er fährt ebenfalls gern Rad, am liebsten alleine. Wir unterhalten uns eine ganze Weile über das Radfahren. Dann wünschen wir einander eine schöne Messe. Er nimmt die Straßenbahn und den ICE, ich das Rad und den Regio. Ich weiß nicht, wer er ist, ob Autor, Verleger, Verlagsvertreter, Agent. Er weiß ebenso wenig von mir. Ich glaube, wir empfinden das beide in diesem Moment als Geschenk.

 

Vom Leipziger Hauptbahnhof fahre ich mit dem Rad durch die sonnige Stadt zum Messegelände. Die verschlammten, notdürftig geputzten Satteltaschen und die Lenkertasche werden von der Garderobenfrau mit stoischer Miene entgegengenommen. Es gibt Cappuccino. Espresso. Wechselnde Gegenüber. Musik, von irgendwoher. Und Bücher natürlich. Ich muss von Termin zu Termin eilen. Über-Ich macht sich schwer und ermahnt mich, mal in den Spiegel zu sehen zwischendurch. ES treibt sonstwas, arbeitet vielleicht am Roman. Ich denke an den Weg, habe den Weg in mir, wie immer, wenn ich per Rad irgendwo ankomme, dabei irre ich zwischen Ständen umher, suche und finde, finde manchmal nicht, umarme, schüttele Hände. Höre zu. Rede. Frage. Antworte. Kaum jemand – wenn wir ehrlich sind: eigentlich niemand – redet über Schweine.

Fast finden wir es schade.