Entschleunigung in Georgien

Ich bin neu hier.
Vom Balkon aus ist die Stadt ein Gewirr aus Antennen, Dächern, Hinterhöfen. In dem Viertel, in dem wir wohnen, sind die Häuser gestützt von Stahlträgern, die Straßen unbefestigt. Eine Schlammwüste bei Regen, die wenigen Autos krachen in Schlaglöcher. Wenn wir das Haus verlassen, nehmen wir die Abkürzung über einen Hinterhof, wo sich Katzen räkeln, Kinder spielen, Nachbarn Wäsche aufhängen oder Autos reparieren. Vor uns gähnt ein immer offener Hauseingang, eine Treppe hinauf geht’s und eine hinunter, dann betreten wir eine andere Welt: die Straße mit den vielen Geschäften, die bergab zur Altstadt führt. Der Teil von Tbilissi, den man aus den Reiseführern kennt. Wo man sich selbst noch kennt.

Nur wenige Stationen mit der U-Bahn bis zum Goethe-Institut. Man kann auch laufen, vorbei an den Bettlern, den Verkrüppelten, die ihre festen Plätze am Straßenrand haben, den Gewürzhändlerinnen und den uralten Frauen mit Brot, Schinken, Wasserflaschen, den Straßenmusikern und den Animierern vor den Lokalen.
Das Fremde: Die wimmelnde, laute Masse auf der Straße. Der Männerüberschuss an den Abenden, die allgegenwärtige Religion, das Läuten der Kirchturmglocken zu den seltsamsten Zeiten. Das Marktgeschrei, jammernd und dringlich zugleich. Die streunenen Hunde und der verrückte Verkehr, der Wind, der den Staub und den Sand vor sich herfegt. Die kleinen, dunklen Läden in den Nebenstraßen, auf deren Treppenstufen Männer sitzen und Zeit haben. Die Schönheit des Verfalls, die ich bereits von woandersher kenne. Nicht fremd, sondern vertraut.

Das Goethe-Institut ist ein schattiger Ort mit Garten, eine Oase in der gnadenlosen Sonne, die jetzt im Mai schon ahnen lässt, was der Sommer hier vermag. Unsere Lesung findet in einem prächtigen Saal mit Flügel statt, wir sitzen an einem niedrigen Tisch. Wir, das sind meine Freundin und Autorenkollegin A., der ich es zu verdanken habe, dass ich hier bin – und eben ich, normalerweise mit dem Fahrrad unterwegs oder mit Gitarre im Gepäck. Die Gitarre wird mir gestellt, jeweils eine andere bei unseren beiden Lesungen in Georgien. Und jedesmal ein Instrument, das es mir so leicht macht wie die Menschen hier.

Entschleunigung ist das Thema meines Buches, in dem eine Frau allein mit dem Fahrrad bis nach Norwegen fährt. Begegnung mit dem Jetzt, Auszeit, unübersetzbare Wörter in einem Land, in dem alles komplett entschleunigt ist, bis auf den Autoverkehr. In Tbilissi wagt sich niemand mit dem Fahrrad auf die Straße, man sieht so gut wie keine Fahrräder und alles, was sich dem Verkehr entgegenstellt, wird weggehupt. Sogar die streunenden Hunde gehen zivilisiert bei Grün über die Ampel, sie wissen, dass niemand für sie bremst. Eine Geschichte über eine alleinreisende Radlerin löst hier großes Staunen und ein wenig Mitleid aus. Die Arme! Allein! Hat sie denn keine Verwandten und Bekannten, die mit ihr einen Ausflug machen, an einen hübschen Platz, um dort gemeinsam ein Schaschlik zu essen? Auf die Tatsache, dass die Heldin meines Buches ebenso wie ich Vegetarierin ist, wage ich gar nicht erst hinzuweisen. Nachher lobt man höflich die Gitarrenmusik zum Text, man hätte, sagt eine Frau, so schön dazu träumen können. Sie sagt es mit einem hinreißenden Lächeln und bringt mir Erdbeeren vom Buffet, obwohl ich direkt daneben stehe. Es sind hauptsächlich Frauen hier, etwas älter, gebildet, vermutlich alleinstehend. Und manche von ihnen mittellos. Sie gehen zu Lesungen im Goethe-Institut, weil es hier etwas zu hören, zu sehen, zu bereden und zu essen gibt. Eine von ihnen erzählt mir, sie sei Malerin, aber sie interessiert sich weder für die ausgestellten Bilder noch für die Bücher, nur für die mitgebrachten deutschen Modezeitschriften. Ihr Deutsch ist etwas brüchig, mein Dritte-Fremdsprache-Schulrussisch praktisch nicht mehr vorhanden, auf Georgisch schaffe ich bis jetzt „Danke“ und „Guten Tag!“, sodass unsere Unterhaltung nicht allzu lange dauert. Dafür kapert mich eine Russin, die perfekt Deutsch spricht, aber kein Georgisch kann, obwohl sie hier lebt. Früher hat sie DDR-Reisende geführt, durchs ganze Land bis nach Armenien und Aserbeidschan. Sie zählt mir jede Station auf, jedes Hotel, sie schwärmt von den goldenen Zeiten und auch von der Ex-DDR, wo sie, soweit ich sie verstehe, jedoch nie gewesen ist.
Eine andere Dame, eine ehemalige georgische Deutschlehrerin, fällt durch ihren Witz und ihre klugen Bemerkungen auf. Sie ist über achzig, wunderschön, elegant und würdevoll. Sofort ernennt sie einen der Herren unserer kleinen Gruppe zu ihrem Kavalier, und sie weiß auch genau, wie sich ein Kavalier zu verhalten hat. Dabei ist sie so selbstironisch und schlagfertig, dass alle bezaubert sind. Am Ende der Veranstaltung sorgt sie dafür, dass das übrigbleibende Essen an die richtigen Abnehmer gerät, beschenkt uns mit wunderschönen, handgearbeiteten kleinen Taschen und lässt sich von ihrem Kavalier die Treppe hinuntergeleiten. Ihr Mann, hat sie uns erzählt, sei schon vor Jahren gestorben. Jemand will ihr ein Taxi bestellen, sie lehnt ab. Ich hab keine Angst, sagt sie. In diesem Moment ist sie unantastbar, königlich, stark und zugleich verletzlich. Wir sind sehr froh, dass sich ein Kavalier findet, der sie auf dem Heimweg begleitet. Von dieser Begegnung reden wir noch lange.

Von Tag zu Tag bewege ich mich sicherer in der Stadt, die ich von Moment zu Moment mehr liebe. Die Hinterhöfe. Die Gesichter der Menschen. Niemand drängt sich vorbei, niemand fährt die Ellenbogen aus und rempelt, keine starren Blicke, versteinerten Gesichter, so wie zu Hause, wo alle alles haben und niemals genug. Ich weiß, dass ich romantisiere. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt soll hoch sein, bei vierzig Prozent, heißt es. Es gibt nichts zu tun, deshalb hat man Zeit.
Einmal, beim Obst-, Gemüse- und Lebensmittelhändler, dessen Laden sich im Flur eines baufälligen Hauses befindet, spüre ich meine mitgebrachte Rastlosigkeit besonders stark. Der Händler, den ich schon von anderen Einkäufen her kenne, hält ein Schwätzchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Seine Frau sitzt im Flur auf einem Hocker und telefoniert angeregt. Ich stehe vor der Auslage und betrachte das Obst. Erdbeeren, die, wie ich weiß, traumhaft schmecken, die man sofort genießen muss, weil sie nicht lange halten. Grüne Pflaumen, Ringlotten genannt. Eine Art saure Kirschen, deren Bezeichnung ich immer wieder vergesse, auf einen Stab gesteckt.
Ich betrachte das Obst ziemlich lange. Die Frau telefoniert und lächelt mir zu. Der Mann hält sein Schwätzchen. Ich spüre, wie die Empörung langsam hochköchelt: … Hallo! Ich bin doch Kundin! Wenn ihr mich nicht bedient, dann kauf ich eben woanders! … Und wie sie wieder verdampft. Wo will ich denn eigentlich hin, warum habe ich es so eilig? Die Frau telefoniert weiter und ruft ihren Mann, mit einem durchdringenden Schrei, der so klingt, als sollte er besser auf der Stelle hier antreten. Den Mann jedoch lässt der Schrei völlig kalt, das Schwätzchen ist wichtiger. Die Frau bedeutet mir mit Gesten, wie unmöglich sie das findet. Männer! Also wirklich! Dabei lacht sie. Ich muss auch lachen. Und betrachte das Obst. Wir kennen uns inzwischen richtig gut, das Obst und ich. Eine ganze Weile tut sich nichts. Die Frau telefoniert. Ruft ab und zu ihren Mann, schüttelt den Kopf, wir lachen. Irgendwann kommt er dann und ist die Zuvorkommenheit in Person. Ich verlasse den Laden mit Kirschen, Erdbeeren, Äpfeln, zwei Sorten Käse, Brot und einer großen Portion guter Laune.

Am nächsten Tag wieder Uni. Meine Freundin A. hält einen Vortrag über die deutsche Sprache vor Germanistikstudenten. Der Freund vom Goethe-Institut, bei dem wir wohnen, wird die Einführungsrede halten. Ich bin als Zuhörerin dabei. Man ist noch mit dem Beamer und der Technik beschäftigt, die Studenten unterhalten sich untereinander. Überall im Saal sind Bücherregale, gefüllt mit den großen Werken der Literatur. Eine ehrwürdige, Ehrfurcht erweckende Sammlung von Geist, Kunst, Wissen. Buchrücken an Buchrücken. Hardcover in gedämpften Farben. Und dazwischen etwas in auffäligem Pink. In zweifacher Ausfertigung. Ein Flirtratgeber, wie sich herausstellt. Zur Erheiterung oder Entspannung für die so eifrigen Studenten? Oder zum lockeren Spracherwerb gedacht? Und warum wird man auf diese Weise angezogen von etwas, das knatschpink zwischen all dem Großen und Beeindruckenden steht? Nicht nur mir geht es so. Auch unser Freund ist davor stehen geblieben, scheinbar absichtslos.
Ob ich schon reingeschaut hätte, fragt er. Nein, sage ich, aber eigentlich sei es das einzige Buch hier, das mich interessiere. Ihm gehe es genauso, sagt er, in jenem ironischen Ton, der zwischen uns dreien mittlerweile selbstverständlich geworden ist. Darauf gibt es natürlich kein Halten mehr, wir nehmen uns je ein rosa Buch, schlagen unter reißerischen Kapitelüberschriften nach und machen einander auf den einen oder anderen besonders frivolen Flirttrick aufmerksam. Und versäumen darüber, dass die Veranstaltung gerade beginnt. Als der Professor, bei dem wir Gast sind, sich uns mit salbungsvollen Worten zuwendet und die Einführungsrede ankündigt, haben wir die Flirtbücher noch in der Hand. Unser Freund wandelt sich auf der Stelle zum würdigen Vertreter des Goethe-Instituts und Deutschland in der Welt. Ich bewundere die Nonchalance, mit der er während seiner Rede das pinkfarbene Flirtbuch verschwinden lässt. Wohin, weiß ich nicht. Ich nehme mir vor, ihn nachher zu fragen, ob er jemals einen Zauberkurs gemacht hat. Doch dann fesseln mich der Vortrag von A. und die Fragen der Studierenden so sehr, dass ich es vergesse. Als wir gehen, stehen die beiden Ratgeber nebeneinander im Regal wie vorher.

Von Anfang an haben wir geflirtet, das Land und ich. Die abgeschnittenen Dörfer im Kaukasus, vom Flugzeug aus. Die Landschaft, die am Zugfenster vorbeifliegt, auf dem Weg nach Kutaisi, wo wir lesen. Kutaisi: Ein Traum aus Bergen am Horizont, Sehenswürdigkeiten, Kunst. Über dem Fluss ein Riesenrad. Ein überquellender Markt, den ich nicht zu fotografieren wage, um ihm die Seele nicht zu rauben. Viel goldenes Vlies, Medea, Argonauten. Denkmäler von inspirierten, musengeküssten Dichtern und Künstlern. Die Gruppe der vier steinernen singenden Schwestern im Park, von denen das berühmte Lied „Suliko“ stammen soll, das man auch auf Youtube anklicken kann.
Sonst ist Musik eher Männersache. Jedenfalls auf der Straße. Die berühmten polyphonen Gesänge gibt es nur im Konzert zu hören, die Straße bietet Improvisiertes, oft auf traditionellen Instrumenten. In Tbilissi, auf ihrem Stammplatz auf der Rustaveli-Straße, haben zwei Popmusiker ihre Instrumente aufgebaut. E -Gitarre und Schlagzeug. Der jugendliche Gitarrist mit den langen Haaren singt und spielt längst losing my religion auf Georgisch, während sich der Schlagzeuger noch in aller Ruhe eine Zigarette dreht. Sie anzündet. Raucht. Nur nichts überstürzen.
Einmal, an einem Feiertag, auch eine Frau. Mit Akkordeon. Und ihrem Mann. Der spielt Saxofon. Sie sind beide schon alt und betont offiziell angezogen: Faltenrock, Blazer, Anzughose. Auf rührende Weise wirken sie amtlich.
Den Bluesgitarristen, der unterhalb der einschüchternden steinernen Mutter Georgiens auf einer Bank vor sich hinspielt, würde ich gern ansprechen: Gamardschoba, ich bin auch Musikerin, Kollegin. Wie lebt es sich als Musiker in Tbilissi, welche Clubs gibt es, welche Bands?
Doch wie wirkt das, wenn ich hier einfach so einen Mann anspreche? Ich bin mir darüber genauso unsicher wie über die angemessene Kleidung – wie kurz darf mein Kleid sein, kann ich bei großer Hitze auch mal in Shorts herumlaufen? Einige jüngere Frauen tun es, doch im allgemeinen wird mehr verhüllt als gezeigt. Die Paare werden oft noch einander anverlobt, die Eltern haben dabei viel zu sagen. Sex vor der Ehe ist eher nicht üblich, zumindest offiziell. Auf dem Weg, der fort vom Touristentrubel um die Mutter Georgiens führt, umarmen sich junge Paare im Schutz der Bäume und Büsche.
Dann niemand mehr. Nur noch ein Hund. Einsam, mager, so vorsichtig und scheu wie ich.
Als ich unten in der Stadt ankomme und auf die anderen warte, spielt am Place of Freedom eine Frau Gitarre und singt dazu. Ein Mädchen noch, in punkigem Outfit, mit wirrem Haar. Ihr Freund geht mit dem Hut herum und passt auf sie auf.

Wir sind hier, um zu arbeiten. Längst hat sich eine Routine des Schreibens und der Termine entwickelt. A. führt Interviews zu einem bestimmten Thema für ihren neuen Roman. Für mich tun sich überraschend auch Recherchemöglichkeiten auf. Ich suche schon länger Kontakt zu Menschen, die es vor allem beruflich durch die Welt treibt, und jetzt bekomme ich die Möglichkeit, einigen von ihnen Fragen zu stellen.
Wo ich zweimal übernachtet habe, da fühl ich mich zuhause, sagt einer, ein Unternehmer im wahrsten Sinne des Wortes, den wir auf ein Weingut begleiten. Ein Deutscher, der seine georgischen Verhandlungspartner aus wachen Augen anblickt, der genau zuhört, bevor er einen Entschluss fasst und handelt.
Mit seinem Satz spricht er mir aus der Seele. Sich eine vertraute Welt schaffen im Unvertrauten, sich im Unterwegssein einrichten, das ist auch mein Lebensgefühl. Doch aus welchem Motiv heraus tut man das: weil man sich auf der ganzen Welt geborgen fühlt oder aus dem entgegengesetzten Grund? Meinen eigenen Grund kenne ich. Nach seinem wage ich nicht zu fragen, er ist zu beschäftigt. Er hat einiges zu besprechen und anzusehen auf diesem Weingut, das die üblichen Spuren von Verfall und Idyll zeigt. Aus dem man viel mehr machen könnte, sagt einer der Männer, ein Georgier, der lange in Deutschland gewesen ist. Das gut liegt günstig, nicht weit von Tbilissi. Angebunden an die Autobahn, jedenfalls einigermaßen. Mit Blick auf ein berühmtes Kloster. Man könnte ein Hotel hinbauen, ein Urlaubs-Entspannungs-Paradies, gar nicht groß, ganz bescheiden. Ökologisch. Geheimtipp. Aber das, sagt er und lacht, das sei vielleicht der typischste Satz, den man über Georgien sagen könnte: Ein großes Potenzial, aus dem wenig gemacht wird.
Vielleicht ist das gut so. Genau richtig.
An diesem Vormittag erscheint es mir richtig. Wir dürfen uns erholen und entspannen, an einem Holztisch, während die Männer ihre Geschäfte tätigen. Man ist ein wenig besorgt, ob wir uns vielleicht langweilen könnten. Oder uns zu heiß sei. Und damit wir nicht auf dem Trockenen sitzen, stellt man uns den hier nach traditionellen Methoden gekelterten Rotwein hin. Zum Probieren. Eine anderhalb-Liter-Karaffe.
Auch das ist typisch. Vielleicht noch mehr als alles andere.

Einer der letzten Abende. Im Lokal im Touristenviertel. Alle Tische sind besetzt. Das Gespräch an unserem Tisch kreist um Wortendungen im amerikanischen Englisch und im Deutschen. Ab und zu erscheint ein Kellner und bringt Wein und immer neue Speisen, an deren Herrlichkeit ich mich längst gewöhnt habe. Schon ein wenig Abschiedsschmerz. Untermalt von Live-Musik. Von einem Duo, Gitarre und Saxophon. Die beiden Musiker sehen einander ähnlich: klein, schlank, weißhaarig, vielleicht um die Achtzig. Ihre Musik ist dezent. Jazz-Standards, alte Popsongs, bekannte Instrumentals. Nichts Folkloristisches. Nichts, was beim Essen stören, überhaupt verstören könnte. Die kurze Stille zwischen den Liedern fällt mehr auf als die Musik. Der Beifall kommt rasch und beinahe schuldbewusst. Je länger das so geht, desto entschiedener wenden sich die beiden von den Tischen ab und einander zu. Spielen ausschließlich füreinander. Ich beobachte sie verstohlen, diese beiden alten Männer mit ihren drahtigen Körpern, die noch so jung wirken. Die Vergänglichkeit liegt in ihren faltigen Gesichtern, auch in der vorsichtigen, zärtlichen Art wie sie einander anspielen.
An den Tischen ist es lauter geworden, auch an unserem. Das Gespräch kreist nun um Fluchwörter. Die Herkunft von „Fuck“, „Ficken“, alles unter linguistischen Aspekten. Zwischendurch der schnelle, mechanische Beifall bei Liedende. Auf einmal empfinde ich alles als grob. Die Linguistik-Fachgespräche. Die Stimmen der anderen Gäste. Die Lieblosigkeit des Beifalls. Meine eigene Neugier. Mein Eindringen mit Ohr und Blick in die Intimität der beiden jungen alten Männer, die ihre Musik lieber bei sich behalten würden.
Später, auf dem Heimweg, während ich hinter den anderen hergehe, das brüchige Love me tender von Sax und Gitarre noch im Ohr, denke ich, dass es für die beiden Musiker wahrscheinlich einfach ein Job war, nichts weiter.

Vom Flugzeug aus wieder die verlassenen Dörfer. Ich verspreche ihnen still meinen Besuch. Zu einer anderen Zeit. Mit einem anderen Verkehrsmittel. Dem Rad. Vielleicht.
Den Dörfern ist das egal, sie entschwinden.
Und ich – ich muss noch ein wenig Mut tanken.

Es, es, es und es

Dass ich die Chefin bin im eigenen Schreiben, daran glaube ich schon lange nicht mehr.
Wenn mein Unbewusstes nichts liefert, sitze ich vor einem leeren Blatt, so viel ist selbst meinem Über-Ich klar. Und genau deshalb bepacke ich an einem frühen Dienstagmorgen bei Nieselregen mein Rad. Mein good old Es soll die Gelegenheit bekommen, in Ruhe ein paar Probleme zu lösen, die ich mit einer Romanfigur habe. Die Arbeitsteilung ist einfach: Ich lese die Karten, denke über den Weg nach, mein Leben, die Weltpolitik, die nächste Toilette, Bluestexte, die Liebe, mit welchem Dreisatz ich ausrechne, wieviel Minuten ich für einen Kilometer brauche und warum das Knüllgebirge Knüllgebirge heißt, während die Belegschaft dort unten meine Romanfigur genauer unter die Lupe nimmt. Abgesehen davon sorgt ES dafür, dass ich trete, bremse, lenke und die wichtigsten Eindrücke der Tour verarbeite. Alles, was ich tun muss, ist: meinen Verstand beschäftigen, damit er nicht dazwischenfunkt. Und meinem Über-Ich sagen, es soll sich gefälligst nicht so schwer machen.

Wir drei sind, nebenbei bemerkt, auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse. Die Termine, die wir am Freitag dort haben, sollten wir einhalten, sagt Über-Ich, sonst geht mindestens die Welt unter. Deshalb, und weil der eiskalte Sprühregen wahrhaft demotivierend ist, steigen wir in Frankfurt zunächst in einen Regionalexpress. Als wir den Zug nach einer knappen Stunde an einem mittelhessischen Dorfbahnhof verlassen, schickt die Sonne zögernde Strahlen durch die Wolkendecke. Wir summen das alte Lied Es, es, es und es vor uns hin und fahren immer Richtung Nordosten. Für die ersten dreißig oder vierzig Kilometer ist alles wunderbar. Wir sind draußen. Unterwegs. Bergiger wird die Landschaft. Hatten wir erwartet. Wie immer haben wir zu viel Gepäck. Kennen wir auch, typisch Über-Ich. Irgendwann holt der Regen uns ein. Macht nichts. Oder fast nichts. Muss es ausgerechnet hier sein, auf dieser Bundesstraße mit Schwerlastverkehr? Okay, lassen wir uns eben bespritzen. Der Wind hat uns inzwischen überholt und bläst uns entgegen. Und die Schilder auf der Bundesstraße wechseln von Gelb zu Blau. Zum Glück zweigt ein Feldweg ab. Schlaglöcher, seetiefe Pfützen und schlammige Baggerspuren. Wir haben nicht gewusst, dass ein Fahrrad in so kurzer Zeit so dreckig werden kann. Und auch nicht, dass ein Mensch trotz Regenkleidung so nass werden kann. Wir fahren wieder auf Straßen, bergwärts, der Wind wird zum Sturm, klatscht uns eiskalte Tropfen ins Gesicht, um gleich darauf zu drehen und uns fast quer über die Straße zu treiben. Absteigen. Das Rad mit beiden Händen festhalten. Hoffen, dass keiner der Bäume am Straßenrand umstürzt. Zwischen den Böen versuchen zu fahren. Irgendwann ist es dann soweit: Wir stehen in einem engen, niedrigen, historischen, vielleicht denkmalgeschützten Steintunnel mit einspuriger Verkehrsführung und hohem, verflucht schmalem, kopfsteingepflasterten Trottoir, auf dem das bepackte Rad kaum Platz findet. Wir stehen dort, weil es der einzige Ort weit und breit ist, an dem es nicht regnet. Wir bibbern, wir tropfen, unsere Füße in den triefnassen Turnschuhen sind aus Eis, die Hände auch. Es ist März, schweinekalt, unsere leichten Handschuhe ein Witz. Über-Ich hat seine große Stunde: Wer hat uns gemahnt, die Fleecejacke aus Norwegen mitzunehmen? Und die Zweitregenjacke? Wir wärmen uns in der Norwegerjacke, verzehren Notvorräte, fragen uns, warum, verdammt noch mal, wir nicht zur Buchmesse fahren können wie jeder andere auch? Dann fällt es uns wieder ein, und wir fahren friedlich hinaus in den Regen, summen Es es, es und es.

Die Dunkelheit kommt früh, bereits vor 18 Uhr herrscht Abendstimmung, alles strebt heim. Nur wir finden keine Bleibe. ES wird infantil. Über-Ich sagt ihm, es solle sich gefälligst zusammenreißen, du liebe Güte, wir sind in Deutschland, auf einer harmlosen Radtour, nicht im Urwald. Ich frage nach, googele, telefoniere, finde endlich ein zu teures Hotel, zu dem eine Straße in kleinen Kehren bergauf führt. Die Bedienungen tragen Dirndl. Und geben sich Mühe, ihr Entsetzen beim Anblick meiner Totalverschlammtheit nicht zu deutlich zu zeigen.
Da keiner von uns – selbst Über-ich nicht – große Lust verspürt, den Hügel hinunter und dann wieder heraufzufahren, sitzen wir eine halbe Stunde später entschlammt und halbwegs salonfähig im Speisesaal des Hotels. Sterneküche, nicht im Budget vorgesehen, außerdem gibt es ausschließlich Fleisch. Wir kennen das alles aus Frankreich: in die erstaunten Augen der Bedienung blicken und trotzdem tapfer dabei bleiben: Ja, ich bin Vegetarier! Was können wir denn da machen? Immer ist etwas zu machen. Meist Großartiges. Auch hier. Das Gemüse ist göttlich, der Preis erstaunlich genießbar. ES leidet trotzdem danach unter akuter Verarmungsangst, und Über-Ich drängt folgerichtig zur Arbeit. Das Mcbook-Air hat den Regen, wasserdicht verpackt, gut durchgestanden, wir klappen es auf und …
Das ist doch einer 300 Kilo Sau ganz egal, ob sie auf ihrem Ferkel liegt, sagt jemand.
Das, was ich in Hannover studiert habe, dafür brauchst du keine zwei Gehirnzellen, sagt ein anderer.
Sie sitzen am Tisch schräg gegenüber. Zwei Männer, noch jung. Veterinäre, wie sich herausstellt. Ihre Gesichter verletzlich, so ungeschützt. Sie trinken Bier. Und Schnaps. Im Wechsel. Sie müssen sich viel wegsaufen, wirken wie unter Schock, wie alt, knapp 30? Jünger wahrscheinlich. Noch in dem Alter, in dem man langsam begreift, dass das Studium vorbei ist, man jetzt arbeitet und dass es so bleibt. Ich mag sie. Auch wenn ich ihren Job grausam finde, nach all dem, was sie erzählen. Die Brutalität der Reality auf den Großbauernhöfen schockt sie, jedenfalls jetzt noch.
Das interessiert doch keine Sau, sagt der eine. Meint aber, glaube ich jedenfalls, nicht die Sau, die er vorhin erwähnt hat.

Später kommt der Wirt und will mit allen Gästen einen Schnaps trinken. Er ist 78 Jahre alt und musste das Geschäft seinem Sohn abgeben. Fast unmöglich für einen wie ihn. Er nennt mich „Mädel“ und rückt nahe. Als Mädel, beschließe ich, darf ich den Schnaps verweigern. Er redet viel, hat in seinen Berufsjahren viel mitbekommen, ohne sich, wie mir scheint, allzusehr für andere Menschen zu interessieren. Später geht es um seine Frau. Sie ist krank, längst nicht so fit wie er. Er hat ihr was zu trinken gebracht, bevor er in den Gastraum kam. Hoffentlich keinen Schnaps.
52 Jahre verbinden, sagt er. Und fragt im nächsten Moment, ob ich „ledig“ sei. Ich denke an Norwegen, wo ledig schlicht „frei“ bedeutet, egal, ob Hütte, Hotelzimmer oder Frau, und nicke.
Da hätte ich mir einiges erspart, sagt er. Dann erzählt er von dem gemeinsamen Hund, der sei immer auf Seite seiner Frau gewesen. Guter Hund, denke ich und gehe ins Bett.

Die Schweinegespräche werden mich verfolgen. Ebenso die Wirte als Performer und Selbstdarsteller. Was ich in diesem Moment, müde und mit schmerzenden Muskeln, zum Glück noch nicht weiß.

Am nächsten Tag geht es durch Thüringens Bergstädte. Logischerweise bergauf. Der Radweg führt durch den Wald. Über Wurzeln. Und durch Schlamm, Schlamm, Schlamm. Immernoch bergauf. Gibt es ein bergäufer?, diese Frage wird von ES hochgeschickt. Ich beschließe, dass es dieses Wort ab jetzt gibt. Ebenso wie Schlamm, Schlämmer, am Schlämmsten. Über-Ich findet uns kindisch. Ich frage es, wie lange es her ist, seit wir das letzte Wegzeichen gesehen haben, aber dafür ist es anscheinend nicht zuständig. Als wir schon nicht mehr glauben, dass wir jemals aus diesem Wald herauskommen, wird der Weg zum Sträßchen. Am Waldsaum treffen wir andere Radler, Mann und Frau, dick in Anoraks eingepackt. Während ich mich, mein Rad durch den Schlamm bergauf mehr zerrend als schiebend, immer weiter entblättert habe.
Der Blick des von Kopf bis Fuß mit Funktionsklamotten ausgestatteten Paares spricht Bände. Wir haben gar nicht gewusst, dass man auch im Partnerlook schauen kann, denken wir, zumindest ES und ich, während wir auf der Asphaltstraße – ein Traum – bergab sausen. In T-Shirt, Gymnastikhose und meiner als Shorts abgezippten Uralt-Trekkinghose (was Über-Ich dauerpeinlich ist.) Der Rest des Weges ist ziehen und zippen, Hose, Pullover, Fleecejacke, Regenjacke, Regenhose an, wieder aus, erneut an, bergauf, bergäufer, bergabber, immer gegen den Wind. Und über Kopfsteinpflaster. Ost-Kopfsteinpflaster, mit metertiefen Kratern und ganzen Biotopen zwischen den Steinen. Verlassene Gebäude in den Dörfern, Verfallenes, dazwischen liebevoll Hergerichtetes. Einsames. Weite Felder. Vielleicht hat Fontane LPG-Landschaften vorausgeahnt.
Alle, die ich treffe, die mir den Weg erklären oder nach dem Woher und Wohin fragen, sind freundlich, herzlich, fürsorglich fast. Sogar die Hunde. Ein großer Unterschied zu gestern, als ich noch durch Hessen fuhr. Der gestrige Tag war voller Männer, meist älter, die im Besserwisser-Tonfall durch Autofenster mit mir sprachen. Nach Leipzig? Bis Freitag? Na, dann müssense sich aber beeilen! Dazu das Ungesagte. Ob die das schafft?
Warum diese Zweifel? Nur, weil derjenige, der sie anmeldet, es garantiert nicht per Rad schaffen würde? Ich habe die Frage nie gestellt, die Herren hatten es zu eilig: Revier markiert, den Motor wieder angelassen und abgefahren.
Darüber denke ich nach, beim Fahren: über diesen Unterschied in den Mentalitäten, während wir Asylanten-Aufschriften an Überführungen passieren, und die Verschrecktheit derjenigen bemerken, die offensichtlich als Ausländer zu erkennen sind. Nicht nur Verschrecktheit, auch Feindseligkeit. Gegenwehr? Vorsicht? Dazu einige Gestalten wie aus dem Vorurteils-Bilderbuch: Jogginghose, Bierdose, irgendwie uncooler und gleichzeitig gefährlicher wirkend als ihr entsprechendes Pendant im Westen. Dann wieder, auf dem Markplatz einer verlassenen Stadt: die Zeit, die sich eine vielleicht 70-jährige Frau nimmt, die mich ratlos stehen sieht, über die Karte gebeugt, die Selbstsicherheit, mit der sie mir mögliche Wege neben der Schnellstraße zeigt, während der Wind uns die Karte fast aus der Hand reißt. Keine Besserwisserei, keine Zweifel.
Gegen Abend die Straußenfarm, überraschend, am Straßenrand. Die Vögel laufen mir entgegen, neugierig, irgendwie hoffnungsvoll. Ich rede mit ihnen. Sie nicht mit mir. Vielleicht verstehe ich sie nur nicht.
Kurz danach: Der Kleinwagen, der einen Laster überholt, mir entgegenkommt. Der Fahrer oder die Fahrerin muss mich genau sehen, rast trotzdem auf mich zu. Nimmt in Kauf, mich umzubringen. Fast routinemäßig springe ich vom Rad, zerre es zur Seite, lasse das Auto dicht an mir vorbeizischen. Normalität in Deutschland. Hier sind sich Ost und West inzwischen gleich, denke ich, als ich weiterfahre.

Am nächsten Bahnhof nehme ich den Regionalzug nach Erfurt. Es ist schon fast dunkel, und ich bin zu viel Zickzack gefahren, komme zu langsam voran. Wie unglaublich schön es ist, nur zu sitzen und sich nicht bewegen zu müssen. Es gibt so vieles, wofür wir in trauter Dreieinigkeit dankbar sind: Die Wärme, die Scheibe zwischen uns und dem herunterprasselnden Regen, das große Wunder, noch am Leben zu sein, das kleinere Wunder, über das Smartphone in einem fahrenden Zug eine preiswerte Unterkunft buchen zu können.

Viele Leute in den Gassen um den Bahnhof in Erfurt, mehr Studenten und Bürger als Touristen, querschießende Radler zwischen den Schienen, sie verschwinden in Seitenstraßen. Der Dom, überwältigend, auch im Dunklen.
Mein Zimmerschlüssel liegt im Safe in einem Hauseingang. Wir finden keinen Platz für das Rad, beschließen, es in die Vorhalle zu schleppen. Über-Ich will, dass wir es vorher wenigstens ein bisschen putzen. Also verbrauchen wir ein Päckchen Papiertaschentücher, dann ahnt man wieder, dass das Rad einmal blau war.
Zu Fuß zum Italiener. Fast alle Tische besetzt. Wir sitzen pizzaessend und arbeitend vor dem Notebook und versuchen, uns zu konzentrieren, werden jedoch abgelenkt vom Wirt, der am Nebentisch auf ein Pärchen einredet. Es geht um Urlaube. Alle waren schon überall. Länder, Erdteile, Plätze, Must-Sees und Geheimtipps schwirren durch die Luft. Der Wirt lässt die anderen kaum zu Wort kommen, kontert jede Erwähnung eines Ortes mit der Erwähnung eines besseren, hipperen, schmuckeren Platzes und wirkt dabei von Minute zu Minute erschöpfter. Sich in Szene zu setzen ist ein Fulltime-Job. Und wozu? Für einen Moment Lust, hinüberzugehen und ihn genau das zu fragen. Oder etwas Absurdes zu sagen, ein Zitat des gestern mitgehörten Gesprächs zum Beispiel. Einer 300 Kilo-Sau ist das doch ganz egal, ob Sie in Madeira waren.
Die Stadt draußen ist dunkel. Mein Bier leer. Es regnet unverdrossen. Ich weiß nicht, was Menschen dazu treibt, zu tun, was sie tun.

Erfurt. Bei sechs Grad und von Nieselregen unterbrochenem Morgensonnenschein immer noch bezaubernd und voller Leben. Malerische Gassen. Eine schöner als die andere. Der Dom. Das historische Rathaus. Die historische Brücke, der historische Brunnen. Das historische was weiß ich. Wunderbar. Beeindruckend. Jedenfalls beim ersten, beim zweiten, auch noch beim dritten Mal, als ich daran vorbeikomme. Beim vierten lässt ES von unten anfragen, was denn los sei. Beim fünften sind wir genervt. Immer an der entscheidenden Ecke fehlt das Schild zum Radweg nach Weimar. Außer diesem Weg über kleine Straßen und Dörfer gibt nur eine autobahnähnliche Schnellstraße. Meine Karte ist zu ungenau, um den Weg zu finden, der kleine Stadtplan vom Bahnhof hört an der entscheidenden Stelle auf. ES fragt an, ob Panik angesagt ist, Angst vor dem Eingeschlossensein oder dergleichen, Über-Ich und ich tippen uns solidarisch an die Stirn, dann betreten wir in geschlossener Formation den nächsten Radladen. Ein netter Mann zeigt mir die Route auf einer Karte, binnen fünf Minuten sind wir auf dem richtigen Weg. Es, es es und es, es ist ein harter Schluss, weil, weil, weil und weil ich aus Erfurt muss … summen wir vor uns hin, um ES ein bisschen zu ärgern. Aber ES bleibt stoisch, weist uns nur darauf hin, wie der Text weitergeht: Ich schlag mir Erfurt aus dem Sinn und wende mich Gott weiß wohin. Ich will mein Glück probieren … In Weimar zum Beispiel. Fast 30 Kilometer weiter, um einiges klüger, wiederholen wir in der Altstadt das gleiche Spiel, betreten aber viel früher einen Radladen mit ebenso freundlichem und hilfsbereitem Verkäufer, finden den Ilm-Radweg, und der Rest des Tages ist eine romantische, nicht ganz steigungsfreie Flusstour von der Ilm zur Saale und dann immer flussauf. Mit Gedanken, die Richtung Messe vorausfliegen. SMS wegen Terminänderungen, das Telefon piept in der Lenkertasche. Außerdem wilde SMSerei mit meinen Freunden. Die ihren – zumeist künstlerischen – Alltag leben, während ich irgendwo erschöpft vor einer weiteren Steigung stehe, einen Apfel inhaliere und an meine frühen Touren denke. Ende der Neunziger. Von SMS ahnte ich noch nichts. Damals war eine Solo-Tour durch Deutschland noch ein gefühltes Abenteuer. Heute ist ein solcher Trip nicht unbedingt Verlassen der Komfortzone, höchstens die Ausweitung der Kampfzone. Womit wir wieder beim Thema Literatur und Messe wären. Wohin für heute Nacht? Weit genug weg von Leipzig, um noch ein Zimmer zu bekommen, nahe genug, um rechtzeitig mit S-Bahn oder Regio zum Termin zu fahren. Wir landen in Naumburg. Weiter entfernt von Leipzig als wir wollten. Nach Umwegen und –bergigen – Irrwegen. Wie haben wir es bloß geschafft, uns auf dem ausgeschilderten Radweg so gründlich zu verfahren und die Richtung zu verlieren? Wer ist eigentlich verantwortlich für unseren mehr als bescheidenen Orientierungssinn? ES? Über-Ich, das handwedelnd jede Zuständigkeit abstreitet, ich, in all meiner Erschöpfung und Unzulänglichkeit? Nach Naumburg geht es bergauf, bergauf, verfallene Gebäude weichen beeindruckenden Gebäuden, Landgericht, Schloss, kein einziges Hotel. Auch nicht am Bahnhof, wohin die Hauptstraße bergab und stadtauswärts führt, immer trostloser wird die Gegend. An einem offenen Fenster eines abblätternden Hauses winken und lachen Kinder. Irgendwann ziehen wir doch das Mobiltelefon zurate und finden – bergauf! – Reste einer touristischen Altstadt. Geschlossene Wein-Verkostungsläden. Saale-Unstrut. Kirchen, ein Dom. Zwei Hotels. ES rät mir das erste an, mit rustikaler Kneipe und sehr netter Wirtin, die mir erzählt, dass sie öfter Messegäste beherbergt. Im zweiten, dem vermutlich weitaus teureren Hotel, esse ich später zu Abend. Steinwände. Saale-Unstrut-Weine von verschiedenen Winzern. Unaufdringliche klassische Musik, Kerzenlicht und Stoffservietten, man unterhält sich eher gedämpft. Eine Frauenrunde, hinter mir. Und zwei Männer am Nebentisch. Sicher Anwälte. Hier in Naumburg ist immerhin das Landgericht. Und die beiden umgibt eine zivilisierte, kulturimpägnierte Aura wie eine Glasglocke, außerdem liegt ein Bewusstsein ihrer Wichtigkeit in all ihren Bewegungen. Als das Wort „Schlachthof“ fällt, horchen wir auf, bleiben jedoch in unserem Deutungssystem. Aha. Ein interessanter Fall wahrscheinlich.
„Betäubung“, sagt einer, der Jüngere. „Pfeifer-Methode“, der andere. Darüber unterhalten sie sich länger. In dialektfreiem, gepflegten Hochdeutsch. Die Pfeifer-Methode ist grässlich, vor allem, weil das Tier nachher nicht mehr schmeckt. Dazu passend werden den beiden riesige Schnitzel serviert. Gourmets, die sich außergewöhnlich gut auskennen?
Eber, sagt der eine. Gutachter? Großbauern? Während wir unsere Tagiatelle verzehren, wird weiter von Ebern geredet, oder doch eher von einem speziellen Eber, einem Zuchteber vielleicht? Die beiden sind hingegeben an ihr Thema und aneinander, sie beachten weder die Gruppe Frauen, die ihnen schräg gegenüber sitzt, noch mich am Nebentisch.
Ich hol die Schweine ab, sagt der Ältere. Es klingt, als könnte man sich darauf verlassen. Überhaupt wirkt er bodenständig, auch bescheidener als der etwas feiste Jüngere, an dessen Hangelenk die Uhr golden funkelt, ebenso wie der breite Ehering an seinem Pummelfinger. Ungeachtet aller Unterschiede scheinen sie sich prächtig zu verstehen. Zumindest, was die Schweine betrifft.

Auf dem Rückweg durch die menschenleere Altstadtstraße beleuchten wir unsere Eindrücke noch einmal von allen Seiten und kommen überein, dass die beiden vermutlich Schlachter sind. Soweit zu deinen Kategorien, sage ich zu ES. Und was, zum Eber, soll uns die Tatsache sagen, dass ich auf dieser Tour an zwei von drei Tagen Männern zuhöre, die über Säue und Eber reden?
Dazu schweigt ES dezent. Über-Ich sowieso.

Am nächsten Morgen sitze ich einem älteren Herrn gegenüber, der die FAZ liest und in der rustikalen Gaststube fremd, aber irgendwie zufrieden wirkt. Später, als ich mein Rad schon gepackt habe, hält er mir die Tür auf. Auch er will zur Messe. Und er fährt ebenfalls gern Rad, am liebsten alleine. Wir unterhalten uns eine ganze Weile über das Radfahren. Dann wünschen wir einander eine schöne Messe. Er nimmt die Straßenbahn und den ICE, ich das Rad und den Regio. Ich weiß nicht, wer er ist, ob Autor, Verleger, Verlagsvertreter, Agent. Er weiß ebenso wenig von mir. Ich glaube, wir empfinden das beide in diesem Moment als Geschenk.

 

Vom Leipziger Hauptbahnhof fahre ich mit dem Rad durch die sonnige Stadt zum Messegelände. Die verschlammten, notdürftig geputzten Satteltaschen und die Lenkertasche werden von der Garderobenfrau mit stoischer Miene entgegengenommen. Es gibt Cappuccino. Espresso. Wechselnde Gegenüber. Musik, von irgendwoher. Und Bücher natürlich. Ich muss von Termin zu Termin eilen. Über-Ich macht sich schwer und ermahnt mich, mal in den Spiegel zu sehen zwischendurch. ES treibt sonstwas, arbeitet vielleicht am Roman. Ich denke an den Weg, habe den Weg in mir, wie immer, wenn ich per Rad irgendwo ankomme, dabei irre ich zwischen Ständen umher, suche und finde, finde manchmal nicht, umarme, schüttele Hände. Höre zu. Rede. Frage. Antworte. Kaum jemand – wenn wir ehrlich sind: eigentlich niemand – redet über Schweine.

Fast finden wir es schade.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine finnische Liebe

Begegnet bin ich dem finnischen Tango schon vor Jahren. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, unser Verhältnis begann vorsichtig und eher zufällig, mit dem Kauf einer CD in liebevoll gestalteter, sehnsuchtsblauer Verpackung. Die Musik auf dem Sampler war gewöhnungsbedürftig; die teils historischen Aufnahmen klangen nach Tanzsälen mit trostloser Holztäfelung, hartem Alkohol, gestohlener Freude und viel Vergeblichkeit.

Ein deutsch gesungener Titel fiel auf und wurde schnell zu meinem Lieblingsstück auf dem Sampler: „Ich und meine Braut im Parlamentspark“, von M. A. Numminen, Musiker, Autor, Gelegenheitsphilosoph und Enfant Terrible des finnischen Kulturbetriebs. Das Lied ist eine Genreparodie, die mit den Versatzstücken des Finntango spielt: Melodien in Moll, dabei schlicht und auf rührende, etwas verklemmte Weise schlagernah, ein bescheidenes Knopfakkordeon, das den statischen Rhythmus vorgibt. Kein zu allem bereiter, lateinamerikanischer Macho mit gebrochenem Herzen und Klischeerose zwischen den Zähnen – nur ein akkordeonspielender Holzfäller im Fichtenwald, eine Feuerstelle und zwischen den Bäumen glühende Augenpaare.

Der finnische Tango, behauptet M. A. Numminen in dem Dokumentarfilm „Mitternachtstango“, sei erfunden worden, um die Wölfe fernzuhalten. Dass er bei dieser Feststellung ein Häschenkostüm trägt, nimmt seinem ironischen Satz nichts von seiner Glaubwürdigkeit. Für mich war der Satz eine Initialzündung, ich konnte alles sehen und spüren: das schwelende Feuer, den schrägen und fernen Mond über den Baumspitzen, die Kälte und die Wölfe. Eigentlich ist der Wald zu dicht, das Feuer zu klein, die Akkordeonmusik zu kläglich, dennoch gibt es keinen Ausweg, als weiterzuspielen.
Ich glaube, in diesem Moment verliebte ich mich ernsthaft.

Sommer 2016. Ein Konzert in Frankfurt, in einem Kellertheater. Ich bin eine der wenigen Deutschen im Raum. Nicht nur die finnische Gemeinde ist vollzählig anwesend, auch die Moderatorinnen von Radio Sisu, der einzigen finnischen Radiosendung der Stadt. Sisu ist ein eigentlich unübersetzbares Wort und steht für Mut, Kühnheit, Ausdauer, Geduld in scheinbar aussichtslosen Situationen. Und in den Liedern, die an diesem Abend gespielt werden, steckt eine Menge Sisu. Von der Flüchtigkeit eines Sommertags handeln sie, von einem Kapitän, der sich von seinem Mädchen verabschiedet und nie zurückkommt. Das Mädchen geht jeden Tag zum Strand. Ich fürchte, bis an sein Lebensende.
Alles Unabänderliche und doch Vergängliche wird mit viel Sisu hingenommen, auch der Herbst, die einzige Jahreszeit, in der eine glückliche Liebe stattfinden darf oder wenigstens eine Ahnung von Geborgenheit bei fallendem Regen. Sonst würde das Glück womöglich noch zu groß.
There’s comfort in melancholy, sang Joni Mitchell einmal, in einem ganz anderen, gar nicht tangoartigen Zusammenhang. Ein Satz, der exakt die Stimmung dieses Abends wiedergibt. Die finnisch-deutsche Band, die auf der Bühne steht, heißt Uusikuu. Laut Wörterbuch bedeutet Uusikuu Neumond. Ein Wort, dem man durchaus eine hoffnungsvolle Bedeutung unterschieben könnte. Doch wahrscheinlich gibt es eine differenziertere Interpretation, in der zahlreiche Nebenbedeutungen mitschwingen: Neumond des Frühherbstes, wenn der Sommer gerade vergeht und die Fichten das erste Eis ansetzen, so wie die Seele im Eis verlorener Liebe erstarrt.
Uusikuu haben den Tango ihrer Großmütter und Großväter entstaubt und ihn mit anderen Stilrichtungen gemischt, darunter Jazz, russische Folklore, Walzer. So kommt er frisch daher, mit Akkordeon, Kontrabass, Geige und oft zweistimmigem Gesang, innig dargeboten von der Sängerin Laura Ryhänen und dem Geiger und Sänger Mikko Kuisma. Die Ansagen macht Laura Ryhänen in – übrigens perfektem – Deutsch. Wir Deutschen sitzen etwas streberhaft in der ersten Reihe. Die Finnen hinter uns tanzen längst. Keine gewagten Drehungen, keine leidenschaftlichen Posen; Finntango ist ein Gehtanz. Laut M.A. Numminnen sind Beckenbewegungen dem finnischen Mann völlig fremd; seine Leidenschaft ist verhalten, aber heftig, und muss von einem Rhythmuskorsett im Zaum gehalten werden. Allein die Nähe einer Frau kann laut Numminen den finnischen Mann so verstören, dass er im Zweifelsfall einen Besenstiel als Tanzpartnerin vorzieht. Zumindest geht es dem Protagonisten seines Buches so, das passenderweise „Tango ist meine Leidenschaft“ heißt.
Seit jeher war der finnische Tango eine Männerdomäne. Um so erfreulicher ist es, dass Uusikuu ihre aktuelle CD Suomi-Neito (finnische Maid) den Frauen im Tango gewidmet haben, genauer gesagt, ihren Großmüttern, der Generation, die zu Tangoklängen hoffte, litt, träumte.
Alle Lieder, die an diesem Abend gespielt werden, handeln von Frauen, wurden von Frauen gesungen oder sogar – sehr selten – geschrieben. Vielleicht ist gerade deshalb die Stimmung im Saal so warm und weich wie ein Kaschmirschal für die Seele. Natürlich in Herbstfarben.
Der Abend wird lang und glücklich. Wir lauschen der Musik und den Geschichten zwischen Ironie und Ernst, mit denen Laura Ryhänen uns das Lebensgefühl der Großmütter näher bringt. Wir trinken Wein und dann doch finnischen Schnaps. Wir geben uns hin an die Melancholie. Und wir lassen Uusikuu erst nach vielen Zugaben von der Bühne.
Danach kommt mir die Sommernacht sehr deutsch vor.

(Mehr zu Uusikuu und der sehr empfehlenswerten CD: http://www.uusikuu.com/
Und wer die CD erwerben will: info@uusikuu.com)

Inwischen ist einige Zeit vergangen. Ich bin in Helsinki gewesen, in der Absicht, M.A. Numminen zu interviewen. Den Kontakt hatte ich über finnische Bekannte bekommen, doch Numminen ließ ausrichten, dass er in seinem Sommerhaus sei und an einem neuen Buch schreibe. Helsinki war voller Touristen, dabei kühl, klar, freundlich und abweisend zugleich, und ich beschloss, weiterzureisen. Als ich mein abgestelltes Fahrrad belud, fingen vier Musiker in der Fußgängerzone an zu spielen. Tangos, die ich kannte. Ein unverhofftes Geschenk, ein Gefühl, dass jetzt alles stimmte.

Nach meiner Rückkehr kam ich auf einem meiner üblichen Wege an einem Werbeschild vorbei. Ich hatte es zuvor nie bemerkt. Es hing an einer Hauswand und gehörte zur Praxis eines Lebensberaters. Wir machen Gewinner, stand darauf. Der Berater war selbstverständlich kein einfacher Berater, sondern ein Personal Coach, und die Praxis keine Praxis, sondern eine Winner’s Lodge. Ich blieb davor stehen, die Kopfhörer auf den Ohren, und der Zufallsgenerator meiner stilistisch gewagt zusammengewürfelten Playlist bot mir einen Tango an, eine der alten Tanzsaal-Aufnahmen, mit dünnem Akkordeon und verklemmter Melodie in Moll.
Ein Gegenentwurf zu großen Gefühlen, übertriebenen Gesten, allgemeiner Aufgeblasenheit und rücksichtslosem Positivdenken.

In diesem Moment, als mir klarwurde, wie dringend die Welt den finnischen Tango braucht, wurde aus Verliebtheit Liebe.

 

 

 

 

 

 

 

Estland

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Alone auf der romantischen Truckerfähre

Lächelnd fahre ich in dieses Land hinein.

In Helsinki war es sonnig, mit zwei anderen Reiseradlern und einem Navi ging es morgens von einem Fährhafen zum nächsten, durch eine geschäftige, kühl anmutende, wasserglitzernde Stadt. Danach zwei Stunden auf der Tallinn-Fähre, die Räder sicher im Schiffsbauch, wir im Wind und sonnenbetrunken.
Andere stimmen sich mit Bier ein, auf dieses Land, in dem für die Finnen nicht nur der Alkohol, sondern auch alles andere billiger ist, das Land, von dem ich geträumt habe. Estland, erst Sehnsuchtsland, später Idee, jetzt Wirklichkeit.
Tallinns Altstadt besteht aus Kopfsteinpflaster, Kirchen, Mauern, deren Ritzen ganze Universen beherbergen, aus Restaurants, Souvenirläden, Cafés, dazwischen die russische Kathedrale wie ein Praliné, umrahmt von Straßen, umstanden von Bussen. Sie ist schön, die Altstadt, sie hat Würde, hielt früher dänischen Kreuzzügen und heute europäischen Kreuzfahrern stand, sie lächelt über wechselnde Einfälle, Ausfälle, Moden, vegane Restaurants, lächelt über alles hinweg.

Lächelnd fahre ich stadtauswärts, am nächsten Tag und in strömendem Regen, vorbei an Plattenbauten, Unverputztem, Tankstellen und Einkaufszentren. Das Meer liegt still wie ein See und sieht trotz des Regens so hellblau aus wie auf der Landkarte. In einer Stolowaia gibt es neben Rote-Beete-Suppe und der ersten von vielen estnischen Süßspeisen auch Cappuccino und Free-Wifi. Überall könne man ins Internet, davon habe ich vorher schon gehört, wie auch von manch anderem: Man sei aufgeschlossen, besonders die jungen Leute, alles spreche englisch, haben mir Kreuzfahrer und Bildungsreisende versichert, das ganze Land, heißt es, sei westlich orientiert, was als Synonym für aufgeschlossen zu gelten scheint.
Ich bin schon eine Weile auf Tour, schon eingeradelt, aber hier fühle ich mich auf verletzliche Weise neu, unerfahren, wie frisch geschlüpft. Wann ich gemerkt habe, dass niemand mein Lächeln erwidert, weiß ich nicht genau, noch in der Stadt wohl, als man mir sagte, wo ich mein Rad unterstellen dürfe. Alle Auskünfte wurden mit ernstem Gesichtsausdruck erteilt, mit einem Anflug professionellen Verständnisses: Da ist wieder eine von diesen verrückten Deutschen, die mit dem schwerbepackten Rad herumreisen, ohne irgendwohin zu müssen.
Ein paar Tage später frage ich einen Mann, in dessen Gartenhütte ich bei immer noch strömendem Regen übernachte, ob er uns radelnden Germans alle crazy oder funny findet, er weicht aus, verweist auf sein mangelndes Englisch und bleibt höflich. Ohne zu lächeln.

Ihn habe ich nach achtzig einsamen Kilometern auf einer schnurgeraden Straße gefunden. Rechts Wald, links Wald, Ortsnamen verweisen auf Leben, doch an der Straße liegen keine Häuser, nur ein schlammiger Weg führt zu einer Ahnung von Dächern hinter Baumspitzen.
Jeder Kauplus oder Konsum, Tankautomat oder gar ein Café wird Kilometer vorher angekündigt wie eine Sensation, und so bin ich auf den Kiosk, der irgendwann am rechten Straßenrand auftaucht, mental und seelisch längst vorbereitet. Im Regen, der vom Himmel klatscht, hat man einen roten Sonnenschirm mit Eisreklame aufgespannt, er beschirmt tropfnasse, leere Holzbänke. Das ist es, was ich im Laufe der Tour an Estland schätzen und liebenlerne, etwas, für das ich keine Worte finde, wofür man vielleicht erst einen Begriff erfinden müsste, etwas Unübersetzbares wie das finnische Sisu. Das bedeutet: Beharrungsvermögen, Kraft, Unnachgiebigkeit in aussichtslosen Situationen (die in Finnland wahrscheinlich häufiger vorkommen als anderswo und wenn selbst Sisu nichts mehr hilft, gibt es noch den finnischen Tango). Für Estland müsste es ein Wort sein, das Improvisiertes und Absurdes einschließt, die Süße der Nachspeisen in sich birgt und rote Sonnenschirme in verhagelter Einsamkeit.
Die Frau, die im Kiosk Kartoffeln schält – für wen? warum? – wirkt besorgt, als sie verstanden hat, dass ich nach einer Übernachtungsmöglichkeit frage, und greift sofort zum Telefon. So gelange ich in Alaris Garten, der riesig ist, am Ende eines schlammigen Weges liegt und außer dem Hundezwinger und dem Wohnhaus einige Hütten und ein Plumpsklo aufweist. Dort treffe ich in der Nacht auf Insekten, die ich noch nie vorher gesehen habe. Was die Insekten von mir halten, weiß ich nicht, wir beäugen uns misstrauisch – ohne zu lächeln – und krabbeln und gehen unserer Wege.

Am nächsten Morgen lerne ich von Alari, das estnische Wort für „danke“ richtig auszusprechen.
Dass ich es vorher nicht gelernt habe, liegt daran, dass sich niemand bedankt hat, als ich, noch in Tallinn, mit aufgesperrten Ohren durch Supermärkte gegangen bin, auch später nicht, als die Einkaufsmöglichkeiten immer spärlicher und kleiner wurden. Der Laden, in dem ich an diesem Tag einkaufe, die einzige Möglichkeit in dreißig oder fünfzig Kilometern Umkreis, ist in einer Baracke untergebracht. Unter dem Vordach zwei Trinker, Bierdosen in der Hand; sie verfolgen genau, wie ich mein tropfendes, beladenes Rad abstelle, seine Packtaschen wie ein Matronenhintern, der wacklige Ständer hält das Gewicht nicht. Ich lehne es an die einzige Holzsäule und muss mich zwingen, es nicht abzuschließen, als ich hineingehe.
Die Spirituosenabteilung füllt ein Drittel des Ladens. Dazu eine Theke mit Wurst und Käse, ein Verkaufstisch, dahinter eine Frau, noch jung, dabei verhärmt, die mir ernst zuschaut, wie ich eine Konservendose nach der anderen in die Hand nehme, versuche, die Aufschriften zu entziffern und herauszufinden, ob Fleisch in der Bohnensuppe ist.
Ich kaufe die Bohnensuppe, Kekse, Brot, ich danke mit hoffentlich korrekter Aussprache, lächle, gebe mir Mühe und noch eine Prise Herzlichkeit dazu, die Verkäuferin bleibt abweisend.

Viel später verstehe ich, dass es den Leuten vorkommen musste, als ob ich ihnen ins Gesicht springen wollte mit meinem Lächeln, meinem Eifer, meinen Erwartungen. Ganz klar wird es mir erst, als ich wieder in Finnland bin und beinahe einen Kulturschock bekomme: back to Europe mit seinen glatt geschmierten Höflichkeitsscharnieren und Floskeln, einer Form von Höflichkeit, die andere ebenso auf Abstand hält wie der estnische Ernst.

Mit vier estnischen Worten, die ich so gut wie möglich auszusprechen versuche, gelange ich südwärts und auf die Inseln, und nach und nach nehme ich mich zurück, lächle wohl immer noch, aber irgendetwas scheint mit mir und meinem Lächeln geschehen zu sein, denn auf einmal antwortet mir die Welt. Man nickt mir zu, wenn ich an einem Feld vorbeifahre, man grüßt zurück, wenn ich grüße, manchmal folgen Worte auf estnisch. Viele Menschen treffe ich nicht. Auf Hiiumaa passiere ich Gegenden, wo selbst der Bus nur auf Anruf fährt. An späteren Haltepunkten fehlt auch die Telefonnummer. Man scheint davon auszugehen, dass man sie kennt. Wer nicht Bescheid weiß, ist ein Fremder und muss sich alles erfragen. Doch wer etwas wissen will, wirklich wissen will, dem wird geantwortet, wer in Not ist, dem wird geholfen.
So erfahre ich es im Laufe der Tour, so einfach ist es, so ehrlich.

Für Fragen gibt es selbstverständlich Grenzen, Barrieren, die nicht nur Sprachbarrieren sind: Wie stehen Sie zu den vielen Russen, die jetzt als Touristen kommen? Soweit ich weiß, war diese Insel einst militärisches Sperrgebiet, die Bevölkerung isoliert, niemand, selbst die Esten nicht, kam ohne Visum hierher, und jetzt sind die touristischen Enklaven bevölkert von radelnden, busfahrenden, neugierigen Russen, die selbstverständlich ihre Landessprache sprechen und denen ebenso selbstverständlich in der Landessprache geantwortet wird. Mit mir sprechen die Russen, die ich kennenlerne, englisch und deutsch. Ich soll mit ihnen in der Pension fernsehen. Sie haben Tüten voller Flaschen. Mein Respekt vor starken Getränken siegt über meine Neugier. Ich schütze Arbeit vor. Eine Schriftstellerin auf Reisen arbeitet, was denn sonst, sie sitzt abends mit dem Mcbook Air im Restaurant und macht sich selbst vor, mit wichtigen Ideen beschäftigt zu sein, während sie – Free Wifi! – im Internet herumstreunt, das einzige vegetarische Gericht, Orsotto, zu sich nimmt, Nachspeisen und estnische Biersorten durchprobiert.
Immer wieder lande ich in Orten ohne Restaurant, mit dem Konsum als einziger Attraktion, einer zwielichtigen Bierbar, in die ich mich nicht hineintraue, und kommunalem Wifi auf einem Platz, der vollkommen verfallen scheint. Plattenbausiedlungen auf Wiesen, abgeblätterter Putz und bröckelnde Fassaden, davor friedlich spielende Kinder. Kein sozialer Brennpunkt, Normalität des Wohnens.

Da ist die Hoffnung. Diese Hoffnung in den Gesichtern der jungen Paare, die ich beobachte, Paare mit Kinderwagen, die seltsam altmodisch wirken, mich an Bilder der eigenen Kindheit erinnern, die Hoffnung meiner aus der DDR geflüchteten Eltern auf den goldenen Westen. Hier hat sich der Kapitalismus noch nicht verrannt, hier scheint man keine so große Angst zu haben, den zweifelhaften Luxus wieder zu verlieren.
Vielleicht glaubt man auch einfach nicht so glühend daran.

Die Inseln sind voller Gegensätze: Im postsozialistischen Hotel auf Hiiumaa, mit westlich aufgeschlossenen Preisen, räumt man als Gast den Frühstückstisch noch selbst ab, während sich im B&B auf Saaremaa eine Wirtin liebevoll um alles kümmert, dabei läuft im Fernseher des Frühstücksraums ein deutscher Tatort mit estnischen Untertiteln.
Auf der kleinsten Insel steht eine Weinbar mitten im Nichts, zu erreichen nur über eine Schotterpiste mit Schlaglöchern. Eine Oase mit erlesenen Getränken und Speisen und großen Boxen, aus denen den ganzen Nachmittag und Abend Neil Young in einer Endlosschleife jammert und wo ich beschließe, das Leben zu feiern, was wegen Neil Young nicht ganz einfach ist. Wenigstens den vielen Schmeißfliegen scheint die Musik zu gefallen.

Am Tag der baltischen Unabhängigkeit findet ein Wikingerfest am Meer statt. Ein ganzes Wikingerdorf ist aufgebaut, Menschen in Kitteln aus grobem Stoff und mit obligatorischem Hörnerhelm sollen vorführen, wie die Wikinger gelebt haben, ein Schiff wird eigens auf einem Anhänger angekarrt und aufgebockt, dennoch finden sich nur wenige Touristen ein und auch die Wikinger haben keine große Lust, uns zu zeigen, wie sie leben, sie stehen lieber am Wiking-Burger-Stand, rauchen und trinken Kaffee. Ich bin nur zufällig in diese Wikingersache geraten, irgendwo im Hinterland von Saaremaa, auf einer Inselrundfahrt ohne Gepäck. Später, als ich zurückkehre in das Städtchen Kuressaare, sehe ich das Wikingerboot wieder im Anhänger, die Wikinger sitzen gemeinsam mit irgendwelchen Trachtenfrauen in der Pizzeria La Perla.
Auch dafür wäre das Wort gut, das es womöglich gar nicht gibt. Das Wort für rote Sonnenschirme im Regen, für eigenbrötlerische Wikinger und für den Moment, als der warnwestenlose Mann auf einer der vielen Fähren mir eine halb verfaulte Holzbank zeigt, an die ich mein Rad lehnen soll, und wir gemeinsam hoffen, dass der Seegang ruhig bleibt.
Ich finde das Wort nicht, dafür lerne ich in einem abgelegenen Café ein neue deutsche Wortkreation: Quarkform. So übersetzen mir die beiden Frauen hinter der Theke per Internet den Namen der Süßspeise, nach deren Zusammensetzung ich frage. Eine Weile amüsieren wir uns gemeinsam über das sperrige, gewichtige Wort, das so deutsch daherkommt und mit estnischem Akzent noch bizarrer klingt. Die Speise, schneeweiß, vollkommen, himmlisch, schert sich nicht um Bezeichnungen und behält ihr Geheimnis.
Die Straße wird schottrig, später sandig, als ich weiterfahre, ich verstehe allmählich, warum vor der Baustelle so lange gewarnt wurde. Zwölf Kilometer Sand, Schlaglöcher wie Krater, schlingern und schieben, keine Autos mehr, nur Baustellenfahrzeuge, und ab und zu der Postwagen, der durch die Schlaglöcher kracht, um gleich wieder abzubiegen, dorthin, wo ich nur Wald sehe.
Später, als ich wieder normalen Belag unter den Reifen habe, drei Rucksackreisende an einer fahrplan- und telefonnummernlosen Bushaltestelle. Zwei Mädchen und ein Junge, die mich von weither kommen sehen. Außer mir kommt nichts, dennoch halten sie ihr Schild mit der Aufschrift „Tallinn“ hoch, auf noch kindliche Weise selbst gemalt. Mein hervorgeprustetes „Sorry“, unser Lachen. Wahrscheinlich wissen sie nicht, wie schön sie sind, jetzt, in diesem Moment.
Auch dafür hätte ich gern ein Wort. Für die Gleichzeitigkeit von Lachen und Rührung.

Längst habe ich gelernt, bei jedem Hinweis auf irgendetwas anzuhalten, Einkaufsmöglichkeit, Tankautomat, egal – es sind die Plätze, wo der estnische Bär, den man selbsverständlich mit zwei ää schreiben würde, steppt: Dort gibt es vielleicht außer einem Supermarkt auch einen Geldautomaten und vielleicht – Kreisch! – ein Café mit Quarkform oder anderen Überraschungen.
Und ich habe gelernt, die Orte, die ich liebe, noch einmal aufzusuchen, statt stur geradeaus zu fahren, ich wende mich wieder nordwärts und kehre zurück nach Hapsaalu, den Kurort, in dessen Namen die Vokale tanzen. Hapsaalu, das ist die Seepromenade mit der sozialistischen Kurmuschel aus Beton und den kleinen Lauben des neunzehnten Jahrhunderts, der Tschaikowsky-Bank und den modernen Kunstwerken, die rund um den See zu besichtigen sind, sogar auf dem Wasser schwimmen. Hapsaalu erzählt die Geschichte estnischer Künstler, die ihre Werke durch mehrere Besatzungen bringen mussten, eine Geschichte von Mut und Zähigkeit, von Wikinger-Eigenbrötlertum, und, pathetisch ausgedrückt, dem Sieg der Kunst. Hapsaalu, das ist russischer Charme, gemischt mit dem nordischen, schmucklosen Stil der Holzhäuser. Nur zwei Straßen weiter Verfallenes, Schnellrestaurants, Billigmärkte, der ehrliche Teil der Stadt. Im coolen Szenecafé, das komplett leer ist, kleben Plattenhüllen an den Wänden, Vinyl von estnischen Musikern. Später, in der Folklorekneipe im Touristenghetto, wo es Vegetarisches gibt, das gleichzeitig fettig und salzig ist, höre ich die unglaublichsten Lieder auf estnisch: Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, wonderful tonight von Eric Clapton, und, ungeachtet aller Jahreszeiten, Feliz Navidad.
Hapsaalu, das ist das Hotel mit Seeblick, die einfallende Dunkelheit mit Mond über der Kunst auf dem Wasser, sind die Möwen oder Elstern, die nachts meine auf dem Balkon gelagerten Vorräte verzehren, ist das Wintergartenfrühstück mit Seefunkeln hinter den Glasscheiben und den finnischen Rentnern und den amerikanischen Rentnern und den estnischen Rentnern und meinen Gedanken darüber, wie es Paare nur so lange miteinander aushalten, welche Fähigkeiten man dazu braucht, welche Einschränkungen der Autonomie man in Kauf nehmen muss und ob das alles glücklich oder unglücklich macht. Beim Umdrehen auch jüngere Paare, überall Paare, sogar die Enten sind zu zweit. Ich bin auf gute Weise allein mit dem Kaffee, der – lächelnden! – Bedienung und dem Gedanken, der in mir aufgeht und sich ausbreitet wie die Sonne über dem See: Sollte ich mich noch einmal verlieben, dann will ich mit ihm nach Haapsaluu, und sollte ich der Stadt aus Überschwang einen Vokal zu viel verpassen, wird er das verstehen.

Aus diesen Gedanken wird beinahe ein Song und damit fahre ich zurück nach Tallinn, lasse mich dort, wo die Landstraße Autobahn wird, von Holzlastern in den Graben zwingen, außerdem zu Dankbarkeit, noch am Leben zu sein, im Möglichkeitsmodus.
Vielleicht bleibe ich deshalb den Trucks treu und nehme die Truckerfähre nach Helsinki, mit Übernachtungsmöglichkeit und Rauswurf aus dem Mutterleib des Schiffs um sechs Uhr morgens bei höchstens zehn Grad. Beim ersten Kaffee an einer Tankstelle trage ich einen leichten Daunenanorak, die tankenden Stadtbewohner steigen in Bermudas und Badelatschen aus ihren Autos. Für die Finnen, erfahre ich später, ist ab Mai Sommer, das Wetter ist dabei egal. Das erzählt ein Paar, die Frau Finnin, er Deutscher, bereits auf der nächsten Fähre. Wir sitzen am Nebentisch, ein anderer Reiseradler und ich, wir reden so vertraut, wie es nur möglich ist zwischen Menschen, die wissen, was Fernweh ist, das leutselige deutsch-finnische Paar scheint uns seinerseits für ein Paar zu halten – bis der Reisebekannte mich nach meinem Namen fragt. Ich mag ihre Gesichter in diesem Moment. Ein Filmmoment, Romanszenenmoment, den ich gern einrahmen würde.

Auf der Überfahrt reden wir uns in einen Rausch. Wir verbringen den Abend im Café, eine Gruppe Sehnsüchtiger, für die das Unterwegssein eine alltagstaugliche Lebensform ist. Im Hintergrund singt eine sturzbetrunkene, finnische Opernsängerin, oben, wo ich mich, kabinenlos, irgendwo schlafenlegen muss, singen Russen und am Tisch sitzt einer, der eigentlich gar nicht dazugehört und dem auch nichts zu unseren Gesprächen einfällt, aber er ist einfach da und seine Bemerkung über alternde Frauen, die sich noch an einen Stangentanz wagen, ist irgendwie auch ok.

Was noch? Die akkurat nebeneinander stehenden Schuhe des rucksackreisenden schwäbischen Pärchens, bestimmt mehr als zwanzig Jahre jünger als ich, das mit mir im Filmraum des Schiffs kampiert. Meine Erkenntnis, dass es mir nie gelungen ist und auch nie gelingen wird, meine Schuhe auf diese Weise hinzustellen, dass meine Schlafplätze schnell aussehen wie Kriegsschauplätze und kein Schuh mehr weiß wo der andere, geschweige denn, wer er selbst ist.
Was noch? Ein Tag an Deck, Sonnentag, Windtag, Gruppentag, Schreibeuphorie, Relingsgespräche, die mich fast zu Tränen rühren, und am nächsten Tag das wahre Abenteuer: Eine Reise mit der deutschen Bahn, an einem Samstag, ohne einen Radplatz vorreserviert zu haben.
Ich nehme alles mit einem Lächeln.